GLOBALISIERUNG (25. Oktober 2000)
Globalisierung und die New Economy: Aus persönlicher Sicht. Teil II
Rede von Botschafter John C. Kornblum

Der Imperativ der Verantwortung

Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind in zunehmendem Maße allen westlichen Gesellschaften gemein; häufig haben diese Probleme globale Dimensionen. Einwanderung und Auswanderung, alternde Bevölkerungen und damit in Verbindung stehende Themen wie Rentenreform, Erderwärmung, Energie, Umweltzerstörung oder -schutz und Krankheiten sind Probleme und Themen, die uns in den kommenden Jahrzehnten zum Handeln und zu schwierigen Entscheidungen zwingen werden.

Die Vereinigten Staaten und die europäischen Nationen sehen diese Herausforderungen häufig aus unterschiedlicher Blickwinkeln. Wir werden keine rein amerikanischen oder rein europäischen Lösungen finden. Stattdessen müssen wir Lösungen suchen, die eine Synthese unserer gemeinsamen Prinzipien und unserer einzigartigen historischen Erfahrungen sind.

Wir haben in den vergangenen Jahren große Fortschritte dabei erzielt, diese Herausforderungen auszumachen. Wir verstehen jetzt, dass selbst anscheinend innenpolitische Themen wie die Rentenreform umfassendere Auswirkungen haben. Das heißt nicht, dass wir homogenisieren - danach streben müssen, eine Wirtschaft, eine Kultur oder einen politischen Prozess zu schaffen. Es heißt jedoch, dass die Entscheidungen eines Landes für gewöhnlich die Interessen anderer Länder betreffen.

Wie wir mit unserem Rentensystem umgehen, kann beispielsweise größere Auswirkungen auf die Finanzmärkte der Welt haben. Oder wenn die europäische Landwirtschaftspolitik nicht in Einklang mit weltweiten Standards gebracht wird, könnten die Einkommen und die Ernährung in den Ländern der Dritten Welt gleichermaßen leiden.

In den Zeiten des Kalten Kriegs diskutierten die NATO-Mitgliedstaaten die so genannte Lastenteilung. Die Vereinigten Staaten fanden es oft unfair, dass sie die überwältigende Last der Militärausgaben trugen. Europa wiederum argumentierte, da Amerika alle Entscheidungen sowieso im Alleingang treffe, könne es genauso gut für das Privileg zahlen.

Das führt zu dem, was ich als den Imperativ der Verantwortung bezeichnen würde. Europa mag vielleicht nicht über so viele Ressourcen wie die Vereinigten Staaten verfügen, aber es kann zweifelsohne das Gefühl für die Vision und Verantwortung wiedergewinnen, das es in die Lage versetzte, vor über 400 Jahren die erste Ära der Globalisierung einzuleiten.

Dieses Verantwortungsgefühl beinhaltet das automatische Verständnis, dass eine Regierung oder ein Verbund von Regierungen Strategien entwerfen wird und muss und die Verantwortung für die Bewältigung wichtiger Herausforderungen trägt.

Die Kriege des 20.Jahrhunderts und die überwältigende Rolle der Vereinigten Staaten haben diesen Imperativ der Verantwortung seitens vieler Europäer geschmälert.

Das Gefühl einer ungerechten Partnerschaft muss zwangsläufig entstehen, wenn die Initiative immer von den Vereinigten Staaten ausgehen soll.

Obwohl einige das denken, gibt es in den Vereinigten Staaten keinen Trend zu Isolationismus. Es geht allerdings wachsende Frustration mit der Erkenntnis einher, dass immer wir die Last tragen müssen. Ein stärkeres Gefühl der Beteiligung unserer Bündnispartner ist wahrscheinlich der wichtigste Schritt, den wir unternehmen könnten, um eine so genannte gleichberechtigte Partnerschaft aufzubauen.

So weit so gut. Aber jetzt besteht auch die Gefahr, dass unsere unterschiedlichen Erfahrungen unsere Fähigkeit beinträchtigen könnten, dieses Gefühl gemeinsamer Verantwortung zu schaffen.

In Amerika könnten unsere Erfolge zu Selbstzufriedenheit führen - dass wir die notwendige Entwicklung von Prozessen für den Umgang mit tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen zu lange hinausschieben.

Europa muss den Fallstrick umgehen zu glauben, es müsse sein eigenes Haus in Ordnung bringen, bevor es sich in dieser neuen Welt vollständig engagieren kann. Und wie ich bereits ausgeführt habe, sieht sich Europa der Gefahr gegenüber, dass die Europäer die mit der Globalisierung in Zusammenhang stehenden, sich abzeichnenden Prozesse eher als eine Bedrohung denn als Chance ansehen werden.

Es gibt keinen perfekten amerikanischen Weg zum Erfolg. Und es gibt keinen perfekten Weg zu einem freundlicheren und sanfteren Europa, das die Verheerungen des Wandels vermeiden kann. Ich stimme mit Außenminister Fischer überein, der die aktuelle Phase der europäischen Geschichte mit der Debatte über die Federalist Papers in den USA vergleicht.

Der Prozess wird kompliziert sein, aber man sollte nicht ignorieren, was andernorts geschieht.
Stattdessen müssen wir mehr tun, um die besten Praktiken der einzelnen Regionen in unserer Gemeinschaft anzupassen, wenn unser gemeinsamer Organismus "Transatlantica" - ein von dem Unternehmensberater Herman Simon geprägter Begriff - prosperieren soll. Europa muss sein Gefühl des sozialen Konsenses nicht ablegen - aber es sollte auch nicht einen gesellschaftlichen Moralanspruch als Barriere gegen Wandel aufbauen. Amerika sollte weiterhin dynamisch und offen für Wandel sein, aber es sollte Wandel nicht zu einer Ideologie hochstilisieren.

Heute könnten europäische Unternehmen durch die mangelnde Flexibilität des Arbeitsmarkts und die relativ langsame Anpassung neuer Technologien in ihrem Heimatland zurückgehalten werden, -- aber sie sammeln wertvolle Erfahrungen beim Umgang mit den kulturellen und politischen Aspekten enormer Veränderungen. Amerikanische Unternehmen sehen sich andererseits nicht den gleichen Herausforderungen gegenüber. Richtig ist, dass sich die amerikanische Gesellschaft rasch an das sich wandelnde technologische Umfeld angepasst hat. Mit den Themen, denen Unternehmen zurzeit in Europa gegenüberstehen, werden jedoch in den kommenden Jahren auch die amerikanische Gesellschaft konfrontiert werden.

Mit anderen Worten, auf beiden Seiten des Atlantiks arbeiten wir an einem organischen Ansatz zu dieser Dynamik des Wandels. Unsere Gemeinschaft "Transatlantica" benötigt sowohl Dynamik als auch Reflexion. Wir müssen mit revolutionären Veränderungen vorwärts stürmen und ihre Auswirkungen sorgfältig erwägen. Europa und Amerika sollten sich gemeinsam verantwortlich fühlen, dieses Gleichgewicht zu erlangen.

Die Rolle des Privatsektors

Ich behaupte nicht, dass es eine strikte Rollenteilung in diesem Prozess geben sollte. Ich glaube nicht, dass es ein freundlicheres oder sanfteres Europa gibt oder dass Amerika das Monopol für Innovation hat. Aber Geschichte, Geografie und Erfahrung bringen selbst in eng verbundenen Ländern unterschiedliche Ergebnisse hervor.

Der Privatsektor wird immer mehr zum Labor für die Erprobung dieser Erfahrungen. In den vergangenen fünf Jahren wurde offensichtlich, dass ein Großteil der grundlegenden Anpassung an unsere neue Situation außerhalb der "offiziellen" Regierungs- oder politischen Kanäle stattfindet. Das gilt nicht nur für die Anpassung an neue Techniken, sondern auch für neue Arbeitsmethoden, entstehende Konzepte der Unternehmensführung, internationale Standards im Rechnungswesen und so weiter.

Unternehmen entwickeln sich in der Tat rasch zu globalen Gebilden. Nationalität und das Konzept eines "Hauptsitzes" sind die Instrumente für eine aufregende Vielzahl von Aktivitäten, Völkern und Projekten.

Der Nationalstaat verschwindet nicht. Nationale Kulturen sind weiterhin stark vertreten. Während politische Grenzen weniger wichtig werden, wird das Kriterium für den Aufbau von "soft power" nicht nationale Souveränität sein. Es wird diese an Verdienst orientierte Kultur sein, die die Stärken und Schwächen der jeweiligen Kulturen noch offensichtlicher macht. Mit dem Verschwinden offizieller politischer Grenzen nimmt die kulturelle Differenzierung zu. Der Privatsektor bietet neue Plattformen für die zunehmende Bedeutung von Kultur und Gesellschaft.

Aber wenn diese Analyse richtig ist, heißt das, dass Unternehmen ihren Standort auch zu solchen Kulturen verlagern, die die besten Erfolgschancen bieten. Die Frage lautet jetzt nicht, ob Regierungen versuchen sollten, moderne Unternehmen zu kontrollieren, oder ob Unternehmen Regierungsfunktionen übernehmen - Ängste, die unter anderem bei multilateralen Treffen der Welthandelsorganisation, des Globalen Wirtschaftsforums in Davos oder des IWF zum Ausdruck gebracht wurden - sondern vielmehr sollte man sicherstellen, dass die Politiker und Wirtschaftsvertreter ihre sich abzeichnende Rolle verstehen - und bei der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen zusammenarbeiten.

Transatlantische Unternehmen sind zweifelsohne die Gewinner dieses Zeitalters. Vor allem deutsche Unternehmen mit transatlantischen Interessen haben viel getan, um sich für unsere integrierte Welt fit zu machen - und von konstruktivem Wandel zu profitieren. Viele dieser Firmen haben in Amerika Erfolg gehabt, weil sie auf ihre europäischen Stärken zurückgegriffen haben, und wurden in ihrer Heimat noch erfolgreicher, weil sie aus ihren in Amerika gemachten Erfahrungen gelernt haben.

Das "Labor des Privatsektors" hat Deutschland geholfen, sich rasch an viele neue Bedingungen anzupassen. Denken Sie an die: energischen Bestrebungen der Wirtschaft, die Internet-Ausbildung durch die D21-Initiative zu fördern, mit den Gewerkschaften und Politikern an der Rentenreform oder mit den Regierungen auf der anderen Seite des Atlantiks zusammenzuarbeiten, um durch den multinationalen Industrieausschuss für Internet- und E-Commerce-Standards (GBDe) einen gemeinsamen Ansatz zum E-Commerce zu definieren.

Oder denken Sie an die Erfolge der deutschen Industrie bei der Anwendung von Mikroelektronik in der Automobilproduktion und bei Werkzeugmaschinen. Deutschland ist der weltweit führende Hersteller von umweltfreundlichen Produktionsanlagen. Seine Ingenieure sind immer noch die weltweit besten.

Aber selbst im Privatsektor bringt der rasche Wandel Belastungen mit sich. Neue Konzepte wie shareholder value oder transparentere Abrechnungssysteme oder selbst das amerikanische Rechts- und Regulierungssystem verursachen Frustration und sogar Ärger in der deutschen Geschäftswelt. Ein neuer Begriff - „Corporate Governance" - ist in der deutschen Sprache aufgetaucht und hat das Potenzial für eine echte Revolution in der Art der Führung der deutschen Wirtschaft. Dialog wird unerlässlich sein, wenn diese Unsicherheiten überwunden werden sollen.

Deutschlands besondere Rolle

Vielleicht mehr als jede andere europäische Nation kann Deutschland von diesen Lektionen profitieren, während es darauf hinarbeitet, seine eigene sich wandelnde Rolle in der Welt zu verstehen und zu definieren. Ebenso wie die Vereinigten Staaten ist Deutschland ein Land, bei dem Vision eine wichtigere Rolle spielt als Staatsgebiet. Deutschland hat durch die Öffnung seiner Kultur für alle, die sich daran beteiligen wollten, prosperiert. Es ist tief gefallen, als es seine Kultur zum allgemein gültigen Gesetz erklärte, das alle befolgen sollten.
Als stärkste und einflussreichste europäische Nation kann Deutschland der Rolle Europas auf der Welt Inhalt und Richtung verleihen. Ein dynamisches und sicheres Deutschland wird gewährleisten, dass sich ein pragmatisches und verantwortungsbewusstes Europa entwickelt.
Ein positives und zuversichtliches Deutschland wird zum Entstehen eines positiven und zuversichtlichen Europas beitragen.

Der Schlüssel liegt in der Einstellung. Wenn Deutschland seinen Horizont auf die Perfektion eines inneren Gleichgewichts in Europa beschränkt, wird es auf ewig ein Gefangener seiner Vergangenheit sein. Deutschland kann seine Stärke nutzen, um Europa aus der Zwangsjacke der Geografie heraus zu einem modernen, offenen Ansatz gegenüber einer viel größeren Welt zu führen.

Europa ist ebenso sehr eine Idee wie ein Ort …

Das war die Botschaft von Präsident Clinton, als er in diesem Jahr den Karlspreis erhielt: "Europa ist ebenso sehr eine Idee wie ein Ort… Europäer haben den Rest der Welt verändert - durch Unternehmergeist, Fantasie und ihre Fähigkeit zu Wachstum - Eigenschaften, die die Identität Europas immer sehr viel genauer beschreiben werden als es ein Kartograf je könnte."

Jetzt, da die Geografie vielfach keine Rolle mehr spielt, besteht nach meiner Ansicht die Herausforderung für Deutschland und Europa darin, die Stärke ihrer Ideen und ihres Unternehmensgeistes zu nutzen - und das Entstehen von Strukturen zu gestatten, die diese Ideen Wirklichkeit werden lassen. Durch die Projektion ihrer Ideen, durch den Aufbau eines Verantwortungsgefühls kann der Wandel unser Freund sein, und Europa kann seinen Platz mit Amerika als Partner in der Führung in dem vor uns liegendem neuen Zeitalter einnehmen.

Vielen Dank.