GLOBALISIERUNG (25. Oktober 2000)
Globalisierung und die New Economy: Aus persönlicher Sicht. Teil I
Rede von Botschafter John C. Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentliche wir die vom Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 25. Oktober 2000 in Düsseldorf gehaltene FAZ Lecture 2000.

Dieses Jahr feiern wir den 10. Jahrestag eines historischen Umbruchs. Die Ereignisse der Jahre 1989 bis 1991 haben die Welt für immer verändert. Viele Auswirkungen müssen noch verstanden werden. Aber eines ist klar: Nichts ist, wie es vorher war.

Unsere politische Führung debattiert über die äußerlichen Zeichen des Wandels. Wie sehen die neuen Beziehungen aus? Können sich die Institutionen anpassen? Wie sollen die Regierungen handeln?

Dies sind wichtige Fragen. Aber nach zehn Jahren der neuen Ära ist deutlich geworden, dass etwas sehr viel Weiterreichendes geschehen ist, das von den Regierungen nicht kontrolliert werden kann.

Der Wegfall militärischer und ideologischer Konfrontation setzte Kreativität und Ressourcen frei, die eine Technologiewelle von historischem Ausmaß nähren. Das Ende des Kalten Kriegs bescherte der Auflösung vieler bestehender Muster in Regierung und Gesellschaft zusätzliche Dynamik.

Um Vergleiche anzustellen, muss man bis in die Mitte des 19.Jahrhunderts zurückblicken. Die größte Kraft damals nannte sich Kapitalismus. In Amerika sprachen wir von "Räuberbaronen". In Deutschland verwandte man einen positiveren Begriff - Gründerzeit. Heute verwenden wir den Begriff Globalisierung. Wie man es auch nennen mag, die zugrundeliegende Ursache ist eine industrielle und gesellschaftliche/politische Revolution.

Wir haben 150 Jahre enormer Fortschritte erlebt, aber auch großer Tragödien. Keine der Großmächte des Jahres 1850 ist im Jahr 2000 eine Weltmacht. Große Reiche sind zusammengebrochen, stolze adlige Dynastien sind verschwunden. Das menschliche Leid erreichte zuvor ungeahnte Ausmaße.

In der Welt der Wirtschaft und Industrie ist nur eines der ursprünglichen Mitglieder noch Teil des Dow Jones Industrial Average. Viele Unternehmen sind ganz und gar verschwunden. Der einzige Überlebende ist General Electric, ein Unternehmen, das für seine Wandlungsfähigkeit bekannt ist.

Inmitten einer Revolution hat man nicht den besten Blickwinkel für die Beurteilung ihres letztlichen Ergebnisses. Wir hoffen allerdings doch, dass wir etwas aus den Erfolgen und Katastrophen der letzten 150 Jahre gelernt haben.

Ich würde mich gerne an einer persönlichen Zusammenfassung einiger der Lektionen versuchen, die ich für wichtig für die Zukunft halte. Insbesondere werde ich versuchen zu erörtern, wie Europa und Amerika enger zusammenarbeiten können, um die Fortführung der Erfolge der letzten 50 Jahre zu gewährleisten.

Das Dilemma des Wandels

Bei aller Verwirrung der vergangen 150 Jahre gab es doch eine Konstante - raschen und weitreichenden Wandel. Nicht alle Veränderungen waren positiv, aber ob gut oder schlecht - sie sind unaufhaltsam.

Eine zweite Konstante ist die Unvorhersehbarkeit des Veränderungsprozesses. Oft bereiten sich Länder auf die falsche Zukunft vor. Die richtigen Fragen zu stellen, ist eine der schwierigsten und wichtigsten Aufgaben.

Oft waren die Reaktionen auf den Wandel im 20.Jahrhundert von Bitterkeit und Unterdrückung gekennzeichnet. Faschismus und Kommunismus waren eine direkte Folge von irregeleiteten Bemühungen, die Veränderungen unter Kontrolle zu halten. Einfache Antworten funktionieren nie.

Diejenigen, die versuchten, Veränderungen aufzuhalten, bleiben normalerweise geschwächt zurück oder verschwinden. Diejenigen, die meinen, Stärke oder Dominanz könnten sie von den Auswirkungen des Wandels abschotten, irren sich meistens. Wir müssen in diesen Tagen nur nach Serbien blicken, um diesen Grundsatz zu bestätigen.

Der bekannte amerikanische Managementberater, W. Edward Deming, sagte einmal: "Man muss sich nicht ändern. Überleben ist keine Pflicht."

Aber reines Überleben ist nicht genug. Der Wandel kann unser Freund sein. Die westlichen Gesellschaften gründen auf der Überzeugung, dass Fortschritte durch Wandel erreicht werden. Unsere stete Suche nach neuen Methoden hat uns geholfen, mehr Fortschritte zu erzielen als zu jeder anderen Zeit der Menschheit. Aber eben weil er so dramatisch ist, kann Wandel zu besorgniserregenden Konsequenzen führen. Die Bedeutung des Wandels verstehen zu lernen, ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.

Seit mehr als 500 Jahren sind die Nationen Europas und Nordamerikas Verfechter des weltweiten Wandels. Europa bereitete den Weg für das erste Zeitalter der Globalisierung - die weltweite Ausdehnung der europäischen Kultur durch die Kolonisierung.

Im anbrechenden 20.Jahrhundert standen zwei Nationen in den Startlöchern, neue Rollen zu übernehmen: Deutschland und die Vereinigten Staaten. Im Westen hat sich kein Land im 20.Jahrhundert stärker verändert als Deutschland und die Vereinigten Staaten.

Aber mit welch unterschiedlichen Ergebnissen! Die Amerikaner haben von der Revolution der vergangenen 150 Jahre enorm profitiert. Wir sehen der Zukunft zuversichtlich entgegen.
Deutschland erfuhr Tragödien und Niederlagen. Nachdem sie selbst eine wichtige Rolle bei der Ankurbelung der wissenschaftlichen und industriellen Revolution gespielt hatten, suchten die führenden Politiker des Landes veraltete nationalistische Antworten auf die Unsicherheiten des Wandels. Sie stellten die falschen Fragen und definierten die falschen Ziele. Tragischerweise verbrachte Deutschland einen Großteil des 20.Jahrhunderts damit, Kriege zu führen oder sich von ihnen zu erholen. Seine moralische Glaubwürdigkeit wurde zerstört und dann sorgfältig wieder hergestellt.

Als Folge dieser schwierigen Gesundung entwickelte Deutschland eine echte Freundschaft zu den Vereinigten Staaten, die über traditionelle Definitionen hinausgeht. Aber es ist eine Tatsache - unsere Erfahrungen mit dem Wandel unterscheiden sich grundsätzlich.

Die unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Wandel sind bei der Definition einiger der momentan über den Atlantik hinweg geführten Debatten behilflich. Amerika sieht den Wandel als Werkzeug des Fortschritts.

Europäische Länder sind besorgt über die Risiken des Wandels. Hart erarbeitete Stabilität und soziale Gerechtigkeit scheinen zu wertvoll, um sie aufs Spiel zu setzen.

Gerade gegen Ende der letzten Phase der alten Konflikte des Kalten Krieges, ist es verständlich, dass viele in Europa dieser neuen und noch dramatischeren Welle des Wandels, die jetzt über uns hereinbricht, mit Vorsicht begegnen.

Die Aufgabe gestaltet sich für die Regierungen besonders schwierig. Sie haben nicht den Vorteil, sich aussuchen zu können, wen sie vertreten. Der Privatsektor kann Chancen ausmachen und aussichtslose Kandidaten ablehnen. Regierungen müssen alle Mitglieder der Gesellschaft verteidigen, besonders diejenigen, die Gefahr laufen, zurückgelassen zu werden.

Aber es ist eine Tatsache - der Anbruch der neuen industriellen Revolution stellt sowohl den Vereinigten Staaten als auch ihren europäischen Partnern schwierige, manchmal widersprüchliche Aufgaben.

Europa beginnt das Gewebe eines Kontinents wiederherzustellen, der Jahrzehntelang durch Krieg und Ideologie geteilt war. Drei große Revolutionen finden gleichzeitig statt - das Ende der Teilung Europas, das rasche Altern der Bevölkerung und der Anbruch eines neuen Technologiezeitalters. Während Regierungen unter der Last eines solchen Wandels ächzen, warten Unternehmer, Wissenschaftler und junge Menschen ungeduldig darauf, die Früchte zu ernten.

In einem Zeitalter, in dem bestehende Definitionen internationaler Beziehungen an Bedeutung verlieren, muss Amerika die Rolle als traditionelle Macht neu definieren. Wir sind gleichzeitig der Hauptakteur des Wandels und der Verfechter einer stabilen Struktur. Wir sind das Labor der Welt und der Weltpolizist.

Zunehmend werden wir mit den Widersprüchen dieser Rolle konfrontiert. Im eigenen Land betrachten viele die Schwierigkeiten, die vor uns liegenden verwirrenden internationalen Herausforderungen zu meistern, mit wachsender Ungeduld. Wir fühlen uns immer mehr mit der beschwerlichen Aufgabe alleine gelassen, eine gerechte Weltordnung zu bewahren.

Im Ausland werden unsere schwierigen Bestrebungen, Antworten auf die Herausforderungen des Wandels zu finden, häufig als amerikanische Bemühungen gesehen, sich unilateral die Kontrolle zu sichern.

Es ist - sogar in Deutschland - in Mode gekommen, Amerika als eine Art "High-Tech-Schurke" zu bezeichnen, der Verbrecher jagt, die er nicht kontrollieren kann und immer weniger dazu bereit ist, den internationalen Konsens zu akzeptieren. Die Agenda ist lang: Landminen, Klimawandel, die Rolle der Vereinten Nationen, der Internationale Strafgerichtshof, die Todesstrafe, das Gesundheitswesen und so weiter. Sogar die deutsche Regierung meint, die Vereinigten Staaten müssten mehr über die Bedeutung des Völkerrechts lernen.

Aber wie die Tragödie im Jemen kürzlich zeigte, sind wir zu oft Zielscheibe derjenigen, die sich wenig um das Völkerrecht kümmern. Und für jeden, der die amerikanische Hegemonie verdammt, scheint es zwei zu geben, die gerne eine "Green Card" hätten.

Wandel und die New Economy

Das Entstehen der so genannten New Economy verkompliziert die Dinge noch mehr. Wie am Ende des 19. Jahrhunderts ist wirtschaftliche und technologische Tüchtigkeit zur Messlatte für nationale Macht und Prestige geworden.

Wieder einmal lehrt die Geschichte einige Lektionen. Vor 100 Jahren erfreute sich Deutschland der Früchte des wirtschaftlichen Erfolgs. Die Jahresschätzungen der Stahlproduktion wurden zur Grundlage für die Definition der Machtverhältnisse zwischen Deutschland, Frankreich und England gemacht. Die deutschen Politiker versuchten, Wirtschaftswachstum in militärische Stärke umzusetzen - mit tragischen Konsequenzen.

Heute sprechen wir von Globalisierung und der New Economy. Erfolg oder Misserfolg auf dem Gebiet der Wirtschaft werden an tiefergehende Definitionen der kulturellen Stärke und sozialen Gerechtigkeit gebunden. Der verschwommene Begriff Globalisierung steht für das breite Spektrum von Hoffnung, Frustration und Wut. Demonstranten in Seattle und Prag haben womöglich Probleme, die Übel der Globalisierung zu beschreiben, wissen aber, dass sie existieren.

Werturteile werden schnell abgegeben. Anstatt unsere Fähigkeit, vom Wandel zu profitieren, zu bewundern, setzen viele diese neue wirtschaftliche Dynamik mit einer aggressiven und unsensiblen militärischen oder politischen Strategie der Vereinigten Staaten gleich.

Amerika, das Labor der Welt, wird damit fast automatisch zur "letzten verbliebenen Supermacht", die die besonderen Interessen im In- und Ausland bedroht. Diejenigen, die Veränderungen fürchten, bewerten ihre Zögerlichkeit oft hoch, als ob die Blockierung des Fortschritts ein humaner Widerstand gegen diese hegemoniale Macht sei.

Aber es gibt eine wichtige Erkenntnis. Die Vereinigten Staaten sind nicht aufgrund militärischer Stärke oder internationalem Einfluss erfolgreich. Ihr Einfluss wächst aufgrund ihrer Fähigkeit, vom Wandel zu profitieren. Technologie ist wichtig, aber unsere Gesellschaft gewinnt ebenso sehr durch ihre offene Einwanderungspolitik, ihr hervorragendes Universitätssystem und die Nichteinmischung der Regierung in die Wirtschaft.

Die Vereinigten Staaten sind nicht stark, weil sie eine Super- oder gar eine Hypermacht sind. Ihre Stärke stammt aus ihrer "soft power", ihrer sanften Macht, wie es der Harvard-Professor Joseph Nye beschrieb.

Hören Sie sich die Worte von Carly Fiorina an, der dynamischen Geschäftsführerin von Hewlett Packard, die Darwin sinngemäß zitiert: "Nicht der Stärkste überlebt, sondern, wer sich am besten durch Wandel anpassen kann."

Eine weitere Schlussfolgerungen lautet, dass unsere Partner, um "gleichberechtigt" mit den Vereinigten Staaten zu bleiben, lernen müssen, von den Chancen der neuen Ära zu profitieren. Konkurrierende Machtzentren im herkömmlichen Sinn sind nicht die Antwort. Die so genannte atlantische Welt auf zwei Pfeilern wird rasch durch ein Netz ersetzt, das kein Zentrum hat.

Stagnation, nicht Hegemonie, ist die größte Gefahr unseres Zeitalters. Die Lösung besteht nicht darin, Konkurrent zu sein, sondern zu einem unerlässlichen Akteur in dem euroatlantischen Netzwerk zu werden.

War Amerika ein Fehler?

Ich komme hier wieder darauf zurück, wie wichtig es ist, die richtigen Fragen zu stellen. Was geht hier eigentlich wirklich vor? Sind die Vereinigten Staaten über den normalen Status einer Nation hinausgewachsen? Ist die Flexibilität und Erfindungsgabe der amerikanischen Gesellschaft eine Abweichung, die zu raubtierhaftem Verhalten führt?

Solche Diskussionen sind nicht neu. Jahrhundertelang waren Politiker und Gesellschaftsphilosophen aus dem Westen zwischen freudiger Erregung angesichts der neuen Horizonte und den Spannungen des raschen Wandels hin und her gerissen. Die europäische Konsensbildung und der amerikanische Enthusiasmus sind gleichermaßen gerechtfertigt. Sie sind für die ausgewogene Entwicklung unserer Gemeinschaft entscheidend. Die europäischen Erfahrungen mit der Schaffung eines Gleichgewichts zwischen historisch verwurzelten Gemeinschaften und Interessengruppen bieten wertvolle Einblicke für die komplexe, aber relativ neue amerikanische Gesellschaft. Solche Erfahrungen sind ebenso unerlässlich für die ausgewogene Entwicklung unserer Gemeinschaft wie die Dynamik der Vereinigten Staaten.

Die amerikanische Gesellschaft bildete sich aus dem Wissen, der Philosophie und den Eigenschaften Europas heraus. Indem sie europäische Ideen annahm, veränderte sie diese aber auch. Deshalb sind es üblicherweise die Europäer, die in der Neuheit Amerikas eine Bedrohung sehen.

Riesengroße Riesen und stinkende Sümpfe

Im 16. und 17.Jahrhundert waren die Europäer gefesselt von Geschichten über unglaubliche Monster, riesengroße Riesen und gnomartige Pygmäen, sich über Tausende Kilometer erstreckende Wüsten und riesige Sümpfe, aus denen gefährliche Dämpfe aufstiegen. Bis zum 18.Jahrhundert war der Großteil dieser Übertreibungen aus europäischen Texten verschwunden, aber das Misstrauen gegenüber Amerika und die Faszination sind geblieben.

"Amerika hat Europa sämtliche Quellen der Korruption beschert"

Der französische Abbé Raynal schrieb Anfang der siebziger Jahre des 18.Jahrhunderts: "Alles [in der Neuen Welt] weist die Reste einer Krankheit auf, deren Auswirkungen die menschliche Rasse noch spürt. „Die Einwohner sind noch vom Ruin dieser Welt geprägt, sie sind eine verderbte und degenerierte Art … in ihrem natürlichen Zustand … in ihrer Lebensweise … in ihrer Denkweise."

Der schottische Historiker Robertson schrieb später: "Die gleichen Eigenschaften des Klimas in Amerika, die das Wachstum hemmten und den Geist der heimischen Tiere schwächten, erwiesen sich als schädlich für die (Menschen), die freiwillig dorthin auswanderten."

"Ist das ein Volk, das durch Verpflanzung, durch Vermischung degeneriert wurde?", fragte Raynal. Seine Schlussfolgerung? "Amerika hat Europa sämtliche Quellen der Korruption beschert."

Amerika - wild und ungestüm oder schlicht, tugendhaft und klug?

Bald sahen nicht nur Naturalisten und Historiker, sondern auch Merkantilisten und Physiokraten ("Land ist die Quelle allen Reichtums") in Amerika ein perfektes Forum für ihre Debatten. Philosophen erkannten schnell, dass sie Amerika nutzen konnten, um jede erdenkliche Theorie zu beweisen oder zu widerlegen.

"In Amerika habe ich mehr gesehen als Amerika" So dienten viele der Diskussionen über Amerika in Wirklichkeit als Deckmantel für interne europäische Debatten im heiklen Zeitalter der Zensur, der Bastille und der Inquisition.

Die Historiker Commager & Giordanetti schreiben: "Amerika anzugreifen oder zu verteidigen war eine Methode, die Übel der Regierung, der Wirtschaft und der Gesellschaft in der Alten Welt zu kritisieren. … Wenn man den Sklavenhandel angreifen wollte, konnte man die Sklaverei in Amerika angreifen; … wollte man die Kirche verhöhnen - was gab es Besseres, als die Geschichte ihrer Missetaten in Amerika zu zitieren; … wollte man beweisen, dass Wirtschaft, Handel und Kolonien Teil einer Verletzung der natürlichen Ordnung der Dinge waren, gab es Amerika als Beweis für dieses Argument."

Oder, in den präziseren Worten von De Toqueville, "In Amerika habe ich mehr gesehen als Amerika."

Existiert Europa noch?

Ein Großteil der Debatte in Europa spricht ähnliche Unsicherheiten bezüglich zahlreicher verschiedener Einflüsse an. Ein aus dem Kalten Krieg hervorgehendes Europa findet es schwierig, Ziele und Identität zeitgleich mit den raschen Veränderungen der Globalisierung auszumachen.

Zur gleichen Zeit, in der sich Deutschland der Wiederherstellung der Nation erfreut, werden nationale Grenzen weniger wichtig. Genau zu der Zeit, in der Europa beginnt, wieder Bande über die ehemalige Trennungslinie zwischen Ost und West zu knüpfen, geht die Bedeutung von Europa als Ort in eine größere, globalisierte Welt ein.

Am wichtigsten ist vielleicht Folgendes: Während die Europäer versuchen, eine gemeinsame Vision und Rolle für sich als Bewohner aneinander angrenzender geografischer Regionen zu definieren, bieten weder die physischen noch die politischen Grenzen Europas eine ausreichend große Bühne, von der aus man die Ziele der europäischen Völker verfolgen kann.

Meiner Ansicht nach ist das eine große, vielleicht existenzielle Herausforderung. Als die Wiege eines Großteils des modernen philosophischen, wissenschaftlichen und politischen Denkens ist Europa der Verwalter des Vermächtnisses der modernen Demokratie. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass Europa fast 400 Jahre lang die originäre Quelle der Globalisierung war. Seine Forscher, seine Ideale und seine praktischen Errungenschaften veränderten die Welt für immer.

Aber was ist dieses Europa, über das wir sprechen? Wenn Amerika nicht mehr in der herkömmlichen Sprache von Souveränität und Macht definiert werden kann, dann kann auch Europa nicht einfach als die Welt innerhalb seiner Grenzen angesehen werden - wo immer sie verlaufen mögen. Meines Erachtens geht es bei einem Großteil der heutigen Debatte über die Zukunft Europas in Wirklichkeit um den tiefgreifenden und schmerzlichen Prozess des Wandels, der jetzt die Welt vereinnahmt.

Aus dieser Perspektive stimme ich voll und ganz mit Außenminister Fischer überein, der für eine neue Definition des Atlantizismus eintritt. Diese Definition sollte jedoch einen Schritt über die traditionelle Diskussion der Geografie, Kultur und Rolle Europas und Amerikas hinausgehen.

Wer eine so genannte gleichberechtigtere Partnerschaft fordert, begreift in gewisser Weise das Wesentliche nicht. Ein aktuelleres Ziel bestünde darin, die internen Mechanismen der organischen Partnerschaft zu verstehen, die seit nahezu 400 Jahren über den Atlantik hinweg besteht.