US-GESELLSCHAFT/KULTUR (27. September 2000)
Eine Momentaufnahme des Bildungswesens in den Vereinigten Staaten heute
von Richard W. Riley

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den Artikel von Bildungsminister Richard W. Riley über das US-Bildungssystem vom Juni 2000.

Viele von uns machen im Urlaub, an Geburtstagen und zu anderen feierlichen Anlässen Bilder, die besondere Ereignisse auf eine Art und Weise einfangen, die unseren Augen und unserer Erinnerungsfähigkeit nicht möglich ist. Der Beginn eines neuen Jahrhunderts ist eine hervorragende Gelegenheit, um unsere Aufmerksamkeit - und eine metaphorische Kamera - auf unsere heutige Situation zu richten. Ich habe meine berufliche Laufbahn der Bildung auf lokaler und nationaler Ebene gewidmet und möchte Ihnen in dieser Funktion eine "Momentaufnahme" des Bildungswesen in den Vereinigten Staaten zeigen, aufgenommen aus meiner Perspektive, in der Mitte des Jahres 2000.

Wir sehen uns einen Gesichtspunkt der amerikanischen Gesellschaft an - die Bildung - der offener, vielfältiger und integrativer ist als je zuvor in unserer Geschichte. Das öffentliche Bildungswesen verändert sich zum Besseren. Allerdings gibt es noch viel zu tun, um das amerikanische Versprechen von Chancengleichheit für alle zu erfüllen und die Kluft zwischen Arm und Reich, Weiß und nicht Weiß zu schließen. Indem sie ihr Bildungssystem weiterhin anpassen und verbessern, können die Vereinigten Staaten eine stärkere Nation werden und weiter mit anderen Ländern daran arbeiten, Menschen auf der ganzen Welt Frieden, Wohlstand und Bildung zu bringen.

Das gegenwärtige Bild

Lassen Sie uns beginnen, indem wir uns die Konturen des Schnappschusses ansehen - gewisse Trends und Statistiken. Im Frühling gab das US-Bildungsministerium einen Bericht heraus, Der Zustand des Bildungswesens 2000 (The Condition of Education 2000). Einige der darin ausgewiesenen Tendenzen bewiesen, dass wir uns mit unseren gegenwärtigen Maßnahmen und Programmen auf dem richtigen Weg befinden. Andere Indikatoren heben Gebiete hervor, die Politiker und Pädagogen ansprechen müssen, damit unser Land im Informationszeitalter weiter wachsen und Wohlstand erzielen kann.

Der Bericht kam zu der Schlussfolgerung, dass die Vorteile eines Collegebesuchs heute größer sind als je zuvor. 1970 hatte ein durchschnittlicher junger männlicher Amerikaner mit einem Bachelor-Abschluss ein Einkommen, das 24 Prozent über dem eines High-School-Absolventen lag. Bis 1998 war der "College-Bonus" für Männer auf 52 Prozent gestiegen. Für junge amerikanische Frauen war der "College-Bonus" von 82 Prozent 1970 auf 100 Prozent 1998 gestiegen. Das heißt, junge Frauen in den Vereinigten Staaten mit College-Abschluss verdienten doppelt so viel wie Gleichaltrige, die das College nicht besucht hatten.

Außerdem gehen mehr Studenten direkt von der High School auf das College. Allein zwischen 1992 und 1998 stieg der Prozentsatz von 62 auf 66 Prozent. Allerdings ist der Prozentsatz für Studenten aus Familien mit niedrigem Einkommen geringer. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass diese Kluft durch akademische Vorbereitung und Ermutigung geschlossen werden kann. Um den Besuch eines College möglich zu machen, müssen Schüler anspruchsvolle High-School-Kurse in Mathematik und Naturwissenschaften und Übergangskurse in den Klassen sechs bis acht besuchen. Diese Ergebnisse bieten starke Anhaltspunkte für zwei Vorgehensweisen: Die Bereitstellung finanzieller Unterstützung für Collegestudenten und eine Hilfestellung für benachteiligte Kinder im frühen Teenageralter, beim Nachdenken über und bei der Vorbereitung auf das College.

Heute belegen sehr viel mehr Studenten in den Vereinigten Staaten schwierige Kurse in Naturwissenschaften oder Mathematik, die sie auf das College vorbereiten, als in der Vergangenheit. 1982 belegten elf Prozent der High-School-Absolventen Kurse wie Trigonometrie und Differentialrechnung. 1998 belegten 27 Prozent diese fortgeschrittenen Kurse. Im gleichen Zeitraum stieg der Prozentsatz derjenigen, die fortgeschrittene naturwissenschaftliche Kurse belegten, von 31 auf 60 Prozent.

Obwohl es Verbesserung bei unserer mathematischen und naturwissenschaftlichen Kursarbeit gibt, glauben dennoch viele, dass die Vereinigten Staaten auf diesem Gebiet viel von anderen Ländern lernen können. Daten, die für die Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie (TIMSS) zusammengetragen wurden, zeigen, dass der Inhalt einer Mathestunde in der achten Klasse in den Vereinigten Staaten mit größerer Wahrscheinlichkeit als von geringerer Qualität beurteilt wurde als ähnlicher Unterricht in Japan und Deutschland. Ebenso zeigten die Statistiken, dass es in den achten Klassen in Deutschland und Japan mehr "schülerbestimmte Aufgaben" gibt, die die selbständige Lösungsfindung durch Schüler widerspiegeln. In den Vereinigten Staaten ist die überwältigende Mehrheit des Unterrichts "aufgabenbestimmt" - die Aufgabe wird von den Lehrern vorgemacht und von den Schülern wiederholt. Pädagogen und Politiker in den Vereinigten Staaten wollen den im Rahmen von TIMSS auf Video aufgenommenen Unterricht nutzen, um zur Verbesserung unseres Mathematik- und Naturwissenschaftsunterrichts beizutragen und damit auch zur Verbesserung der Schülerleistung.

Der Bericht über den Zustand des Bildungswesens 2000 beinhaltet auch Untersuchungen über jüngere Schüler. Er stellt fest, dass 66 Prozent der Kindergartenkinder Buchstaben des Alphabets erkennen können. Das bedeutet, die meisten sind bereit, Lesen zu lernen, aber ein Drittel ist es nicht. Wir können diesen Prozentsatz erhöhen, indem wir mehr Kindern effektive Vorschulprogramme bieten und Eltern ermutigen, mit ihren Kindern zu lesen. Die Resultate sind ermutigend, aber wir arbeiten außerdem an der Verbesserung unserer Bestrebungen zur Unterstützung und Erweiterung des Lernens im Vorschulalter und der Einbeziehung der Eltern.

Die Schülerzahl in unseren öffentlichen Schulen nimmt nicht nur zu, sondern auch die Zusammensetzung ändert sich. Die Einschreibung von Hispaniern stieg von sechs Prozent 1972 auf 15 Prozent 1998. Aufgrund der bedeutenden Zunahme der Zahl von Schülern, die zu Hause womöglich nicht Englisch sprechen, wird in diesem Bericht vorgeschlagen, dass wir bereit sein müssen, Schülern mit wenig Englischkenntnissen in der Schule zu helfen.

Bildung im Informationszeitalter

Internationale Reisen sind heute an der Tagesordnung; das Internet lässt Technologien nationale Grenzen überqueren, und sogar kleine Unternehmen importieren und exportieren. Das Bildungssystem in den Vereinigten Staaten sollte diese Veränderungen widerspiegeln. Als Reaktion auf diese Entwicklungen und unsere stetigen Bestrebungen zur Stärkung internationaler Beziehungen, lancierte Präsident Clinton eine historische Initiative für eine stärkere Verpflichtung der Vereinigten Staaten gegenüber der internationalen Bildung (historic initiative to strengthen America's commitment to international education). Es ist seit über 35 Jahren die erste Initiative dieser Art in den Vereinigten Staaten. Sie stellt vier wichtige Ziele auf: Den Studentenaustausch zu steigern, die Chancen für Bildungstechnologie und Fernstudien zu erweitern, sicherzustellen, dass alle amerikanischen Studenten mindestens eine Fremdsprache lernen und ihnen Wissen über fremde Kulturen vermittelt wird und Informationen über gute pädagogische Praktiken mit anderen Ländern auszutauschen.

In einer internationalen Wirtschaft sind Wissen - und Sprachkenntnisse - Macht. Eine zweite Sprache zu beherrschen, ist wertvoller denn je. Meines Erachtens werden Bürger, die Englisch und eine weitere Sprache sprechen, für unsere Nation in den kommenden Jahren eine wichtige Hilfsquelle sein. In diesem Sinne ermutige ich Schulen in den Vereinigten Staaten, zweisprachig vorzugehen, was wir manchmal auch "Englisch plus eins" nennen. Diese Vorgehensweise fordert junge Menschen heraus, hohen akademischen Standards in zwei Sprachen gerecht zu werden.

In den letzten 100 Jahren wurde die Bildung in den Vereinigten Staaten von gewissen Annahmen bestimmt, die jetzt überholt sind - wie beispielsweise der Unterricht als neunmonatige Verantwortung, hauptsächlich abgehalten von Frauen, denen ein verhältnismäßig niedriger Lohn gezahlt wird. Wir müssen in den nächsten zehn Jahren mehr als zwei Millionen weitere Lehrer einstellen. Das wird eine drastische Umstellung der Art und Weise erfordern, wie wir gute Lehrer einstellen, vorbereiten, einführen und behalten. Die Clinton-Regierung hat vorgeschlagen, eine Milliarde Dollar für die Unterstützung von Bemühungen der Schulbezirke aufzuwenden, die Fachkenntnisse der Lehrer zu verbessern. Außerdem habe ich vorgeschlagen, die Schulbezirke sollten damit beginnen, das Unterrichten im Lauf der nächsten fünf Jahre zu einem ganzjährigen Beruf zu machen und die Lehrer für diesen zusätzlichen Zeitaufwand entsprechend zu entlohnen.

Die Steigerung der Erwartungen und der Schülerleistung

Kern dieser Bestrebungen zur Steigerung der Schülerleistung und der Verbesserung von Schulen waren beispiellose Bestrebungen in den letzten zehn Jahren, Schulen bei der Aufstellung neuer hoher Standards für alle unsere Kinder behilflich zu sein. Unseres Erachtens ist eine qualitativ hochwertige Ausbildung für jedes Kind ein "neues Bürgerrecht" des 21. Jahrhunderts. Unsere Bestrebungen, die Standards für alle Kinder zu erhöhen, sind ein wichtiger Schritt zur Garantie dieses neuen Bürgerrechts. Aber das Aufstellen neuer Erwartungshaltungen und Anstreben hoher Standards, muss auf angemessene Art und Weise vonstatten gehen. Ich habe eine Überprüfung der Bewegung für hohe Standards gefordert. Tests, bei denen viel auf dem Spiel steht, einschließlich Abschlussexamen in der High School, sind Teil der Aufstellung von hohen Standards. Gleichzeitig brauchen Schüler und Lehrer die nötige Vorbereitungszeit und die Ressourcen, um erfolgreich zu sein. Zudem müssen Schüler mehrere Möglichkeiten haben, Kompetenz zu zeigen. Pädagogen sollten sich auf mehr als ein Maß verlassen, um eine endgültige Entscheidung zu treffen.

Um Schülern und Lehrern jede Chance für den Erfolg einzuräumen, haben Präsident Clinton und Vizepräsident Gore die größte Aufstockung des Bildungshaushalts vorgeschlagen, die es je gegeben hat. Wir arbeiten an der Erstellung von Alternativen und dem Angebot intensiver Hilfestellung für Schüler, die Schwierigkeiten mit den Tests haben, bei denen viel auf dem Spiel steht.

Die Schwierigkeiten der Schüler beginnen oft vor der Einschulung oder der ersten Klassenarbeit. Folglich haben wir unsere Aufmerksamkeit stärker auf die Ausbildung im Vorschulalter und auf das frühzeitige Erlernen des Lesens gerichtet. Würden alle Eltern ihren Kindern 30 Minuten am Tag vorlesen, könnten wir die Ausbildung in Amerika revolutionieren. Viele Eltern in den Vereinigten Staaten sind ganztags berufstätig und können sich in dieser Zeit nicht um ihre Kinder kümmern. Wir arbeiten auf die Bereitstellung eines sicheren Lernumfelds für Kinder hin, die zu jung sind, um eine formale Schulausbildung zu beginnen.

Kinder im schulpflichtigen Alter mit berufstätigen Eltern profitieren auch von Programmen nach der Schule. Tatsache ist, dass die Köpfe der Kinder nicht um drei Uhr nachmittags abschalten. Das sollten auch die Schulen nicht tun. Um dem entgegenzuwirken, haben wir die Investitionen in bereichernde Programme nach der Schule verstärkt, die ein sicheres Umfeld für konstruktive Aktivitäten bieten. Die Statistik zeigt, regelmäßig teilnehmende Kinder haben bessere Noten, verbessern sich in Mathematik und beim Lesen sowie in ihrem Verhalten im Klassenzimmer, verbringen weniger Zeit mit Fernsehen und haben bessere Beziehungen zu Gleichaltrigen. Außerdem sind sie zwischen zwei und acht Uhr nicht auf der Straße oder in Einkaufszentrum. Statistiken zeigen, dass die Jugendkriminalität in diesem Zeitraum am höchsten ist.

Die Sicherheit von Schülern ist ein wichtiger Aspekt der Ausbildung, denn Kinder können mehr lernen, wenn sie sich sicher fühlen. Im Allgemeinen sind unsere Schulen sicher, sicherer als viele andere Orte, an denen sich Kinder aufhalten. Obwohl Schüler bis zu acht Stunden am Tag in der Schule verbringen, geschehen weniger als ein Prozent der Morde unter Kinder im schulpflichtigen Alter auf dem Schulgelände, in dessen Nähe oder auf dem Schulweg. 1997 berichteten 90 Prozent aller Schulen, dass sie keine ernstzunehmenden Probleme mit Kriminalität hätten. Meiner Ansicht nach können wir unsere Kinder schützen, indem wir ihnen ein starkes Zugehörigkeitsgefühl vermitteln, welches in den Schulen gefördert werden kann. Um dies zu tun, können Schulen Programme einführen, die Kindern bei der Lösung von Konflikten und der Unterscheidung von Recht und Unrecht behilflich sind. Gerechte disziplinarische Maßnahmen sowie kleinere Schulen und Klassen tragen oft dazu bei, ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl an Schulen zu schaffen.

Ein Hilfsmittel, das an unseren Schulen nicht gerecht verteilt ist, ist Technologie. Wir nennen diese Unausgewogenheit "digitale Kluft". Technologie ist ein wichtiger Teil unseres Lebens und unserer Arbeit. Ausbildung, auch in der Technologie, kann Menschen aus der Armut befreien und ihnen behilflich sein, widrige Umstände zu überwinden. In diesem Sinne arbeiten wir daran, jede Schule mit der Technologie auszustatten, die die Schüler benötigen, um in diesem Jahrhundert erfolgreich zu sein. Unser "E-Quotenprogramm", das Schulen bis zu 90 Prozent Kostenermäßigung beim Zugang zum Internet gewährt, hat uns geholfen, 95 Prozent der Schulen des Landes an das Internet anzuschließen.

Computer und der Zugang zum Internet sind wichtige Faktoren, um Schülern die Anwendung von Technologie zu vermitteln, aber sie haben wenig Wert, wenn die Lehrer nicht wissen, wie die Technologie effektiv einzusetzen ist. Das US-Bildungsministerium hat eine Reihe von Programmen aufgestellt, um dieses Problem anzusprechen. Der Technology Literacy Challenge Fund unterstützt Programme zur beruflichen Weiterbildung, so dass Lehrer lernen können, die Technologie im Klassenzimmer effektiv einzusetzen. Eine weitere Initiative, "Preparing Tomorrow's Teachers to Use Technology", stellt Colleges Stipendien zur Verfügung um sicherzustellen, dass Lehramtsstudenten neue, technologiegestützte Unterrichtsmethoden lernen können.

Bildungspolitik der Zukunft

Im ganzen Land, auf jeder Handlungsebene, ist die Bildungspolitik Thema von Diskussionen und Debatten unter Bürgern. Unseres Erachtens muss sich die Bildungspolitik in den Vereinigten Staaten so ändern, dass sie die zunehmende Bedeutung der Bildung, die Allgegenwärtigkeit der Technologie und die Veränderungen bei der Zusammensetzung der Schüler und Studenten widerspiegelt. Ein Blick in die Zukunft verrät, dass Charter Schools in den Vereinigten Staaten häufiger werden. Obwohl sie aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, sind sie freier und flexibler als die typische öffentliche Schule. Die Clinton-Regierung hat Charter Schools unterstützt und wird diese und andere Innovationen, die Eltern mehr Wahlmöglichkeiten bei den öffentlichen Schulen einräumen, auch weiterhin fördern.

Ich sehe voraus, dass unsere Schulen länger für Schüler und Erwachsene geöffnet sein werden, Familien Zugang zu Computern bieten, die sich einen eigenen Computer nicht leisten können und Unterricht für Erwachsene anbieten, die versuchen, ihre beruflichen Chancen zu verbessern. Bei der öffentlichen Bildung wird es weniger um einen bestimmten Ort und einen festgelegten Stundenplan gehen, sondern vielmehr um Lernen jederzeit und überall. Die Technologie - elektronisches Lernen - wird jeden Gesichtspunkt des amerikanischen Bildungswesen verändern.

Schlussfolgerung

Offensichtlich werden uns kluge Entscheidungen über unsere Bildungspolitik heute dabei behilflich sein, die Zukunft positiv zu gestalten. Wenn unsere Kollegen - Politiker in anderen Ländern - auf Forschung beruhende politische Maßnahmen ergreifen, die technologische Fortschritte widerspiegeln, und alle Schüler herausfordern, ihr Bestes zu geben, hinterlassen wir unseren Kindern und Enkelkindern auf der ganzen Welt ein wertvolles Vermächtnis.

Originaltext: A Snapshot of Education in the United States Today