DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE (15. September 2000)
Offenheit, die Grundlage der Demokratie
von Botschafter John C. Kornblum

MAGDEBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter John C. Kornblum bei der Steuben-Schurz-Gesellschaft in Magdeburg vom 15. September 2000.

Minister Höppner, Dr. Küster, Dr. Hieckmann,
sehr geehrte Konferenzteilnehmer und Gäste:

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, erneut nach Magdeburg zu kommen. Ich hatte die Ehre, letztes Jahr bei der Jubiläumsveranstaltung der Steuben-Schurz-Gesellschaft zu sprechen, und mit dem größten Vergnügen feiere ich den Jahrestag des Geburtstags von Baron von Steuben wieder mit Ihnen.

Ich war sehr erfreut zu hören, dass die Eröffnung des neuen Deutsch-Amerikanischen Dialogzentrums Magdeburg vorige Woche offiziell bekannt gegeben wurde. Wie ich höre, gibt es seitens des Zentrums bereits Pläne für die Veranstaltung von Programmen zu vielen wichtigen Herausforderungen, mit denen sich Deutschland und die Vereinigten Staaten gleichermaßen konfrontiert sehen. Themen wie Jugend und die Teilnahme am politischen Leben, Demokratie und Toleranz, Umweltschutz, Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen sind entscheidend für den andauernden Erfolg unserer Gesellschaften.

Das Dialogzentrum ist eine spannende neue Verbindung zwischen unseren Nationen. Es ist außerdem wichtig, weil es auf bestehenden Banden aufbauen und diese stärken wird. Diejenigen unter Ihnen, die letztes Jahr an der Steuben-Schurz-Konferenz teilnahmen, erinnern sich vielleicht, dass ich ausführlich über die vielen besonderen Verbindungen zwischen Deutschen und Amerikanern gesprochen habe. Sowohl Friedrich Wilhelm von Steuben als auch Karl Schurz waren beispielweise wichtige Personen in unserer gemeinsamen Geschichte.

· Von Steuben war unseren Bürgern behilflich, ihre Unabhängigkeit von einer Regierung zu erwirken, die sich weigerte, grundlegende demokratische Freiheiten anzuerkennen.

· Indem er sich unermüdlich für die Abschaffung der Sklaverei und später für die Rechte der Indianer einsetzte, trug Karl Schurz dazu bei, diese Grundrechte einer demokratischen Gesellschaft auf alle Amerikaner auszuweiten. Gemeinsam mit den anderen so genannten "48ern" - Deutsche, die nach den fehlgeschlagenen Revolutionen von 1848 ihren Weg in die Freiheit nach Amerika fanden - wurde er einer der standhaftesten Demokraten der Vereinigten Staaten.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten haben sich seit der Zeit von Steuben und Schurz sehr verändert. Wir haben Zeiten enger Freundschaft sowie schrecklicher Konfrontation und Kriegsführung erlebt.

In Sachsen-Anhalt haben Amerikaner Ihre Bevölkerung nach den Tragödien des Zweiten Weltkriegs von der Herrschaft der Nationalsozialisten befreit. Die darauf folgende sowjetische Besetzung war der Anfang eines langen und schwierigen Zeitraums ideologischen Wettbewerbs und der Konfrontation zwischen unseren Gesellschaften. Einige Jahrzehnte lang war die westliche Grenze ihres Staats eine der am stärksten militärisch befestigten Grenzen der Welt.

Die langwährende Abschottung Sachsen-Anhalts von den Vereinigten Staaten und den Einflüssen eines Großteils der übrigen Welt stellen uns heute vor eine besondere Aufgabe. Wir haben viele Jahre der Geschichte aufzuarbeiten, ebenso wie wir viele gemeinsame Ziele für die Gegenwart und die Zukunft haben. Aufgrund des Mangels an Außenkontakten waren die Menschen in Ihrem Land nur schlecht auf die Herausforderungen vorbereitet, mit der eine integrierte, globalisierte Welt sich konfrontiert sieht wie zum Beispiel kulturelle und ethnische Vielfalt sowie die Notwendigkeit, im Wettbewerb auf zunehmend globalen Märkten zu bestehen. Ihre amerikanischen Freunde werden Ihnen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zur Seite stehen.

Das vorrangigste Ziel der Vereinigten Staaten in Deutschland und Europa ist es seit einigen Jahren, sich auf die vor uns liegenden Aufgaben zu konzentrieren. Das bedeutet eine Definition unserer Gemeinsamkeiten, eine Bestimmung der Gebiete, auf denen wir unterschiedlicher Ansicht sind und eine Identifizierung der Themenbereiche, die für Europäer und Amerikaner gleichermaßen bedeutend sind. Die Methoden, für die wir uns entschieden haben, sind der Dialog und konkrete Projekte der Zusammenarbeit.

Durch diese Vorgehensweise hoffen wir, Europa dazu zu veranlassen, sich stärker für die Bewältigung unserer gemeinsamen Herausforderungen zu engagieren und sich für Antworten und Lösungen mit verantwortlich zu fühlen. Die Problematik des Umweltschutzes und der Bewahrung der Umwelt, der Einwanderung und Staatsbürgerschaft, der veränderten demographischen Gegebenheiten und der Veränderungen in der Arbeitswelt macht vor Grenzen und Ozeane nicht Halt. Wirkungsvolle Lösungen können nur in Absprache mit anderen gefunden werden.

Seit ich vor drei Jahren nach Deutschland kam, habe ich versucht, neue Methoden der Dialogführung umzusetzen und neue Institutionen der Zusammenarbeit zu etablieren. Ich habe mich dabei besonders auf den östlichen Teil Deutschlands konzentriert, damit Muster für die Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern entstehen, die in der Vergangenheit nicht denkbar waren - wie beispielsweise das Deutsch-Amerikanische Zentrum Magdeburg.

Um die vielen neuen Fragen zu bewältigen, mit denen wir konfrontiert sind, werden innovative Methoden des offenen Dialogs für vertrauensvolle Beziehungen zwischen unseren Ländern entscheidend sein. Aber dieser offene Dialog ist ebenso wichtig für die zukünftige Gesundheit unserer eigenen Gesellschaften. Ein freier Gedanken- und Informationsaustausch zwischen Völkern ist tatsächlich eine Grundvoraussetzung für eine lebendige Demokratie. Aufgrund der raschen Veränderungen in unseren Volkswirtschaften und Gesellschaften stehen wir oft unter dem gleichen Druck und sehen uns ähnlichen Problemen gegenüber. Wir haben von den besten Praktiken und bisherigen Erfahrungen des anderen viel zu lernen.

Indem wir nach gemeinsamen Lösungen für unsere schwierigsten Probleme suchen, können wir auch besser verstehen lernen, wie wir unserer gemeinsamen Verantwortung für die Demokratie gerecht werden können. In Sachsen-Anhalt wird unser Dialog sicher etwas anders ablaufen als in München oder Hamburg. Wir haben noch nicht viel unserer Vergangenheit verarbeitet. Es gibt viele Prinzipien und Entwicklungen zu diskutieren.

Ich freue mich daher sehr auf unsere Diskussion. Ich bin davon überzeugt, dass die heutige Konferenz zu neuen Ideen für die Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern sowie zu neuen Möglichkeiten der Vertiefung und Erweiterung des Informationsaustauschs zwischen Deutschen und Amerikanern führen wird. Ich begrüße und freue mich besonders auf die Ansichten einer neuen Generation von Vertretern der atlantischen Politik. Unsere demokratischen Gesellschaften können von frischem Blut, neuen Ideen und Sichtweisen nur profitieren.

Abschließend möchte ich der Steuben-Schurz-Gesellschaft für die Organisation der heutigen Veranstaltung danken und ihr sowie dem Deutsch-Amerikanischen Dialogzentrum Magdeburg für die kommenden Jahre viel Erfolg wünschen.

Vielen Dank.

Originaltext: Openness, the Basis of Democracy