VEREINTE NATIONEN (06. September 2000)
Die Geschichte im neuen Jahrtausend neu schreiben
Rede des Präsidenten

NEW YORK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Bill Clinton beim Millenniumsgipfel in New York vom 6. September 2000.

Frau Präsidentin, Herr Generalsekretär, sehr geehrte Staats- und Regierungsoberhäupter. Zunächst möchte ich betonen, welche große Ehre es ist, dass diese beispiellose Versammlung führender Politiker aus der ganzen Welt in den Vereinigten Staaten stattfindet.

Wir versammeln uns hier nicht nur zu einem außerordentlichen Zeitpunkt auf dem Kalender, sondern zu Beginn einer neuen Ära für die Menschheit, in der Globalisierung und die Revolution der Informationstechnologie uns enger zusammenbringen als je zuvor. Vor einigen Jahren war es noch unvorstellbar, in welchem Ausmaß wir heute geographische und kulturelle Trennlinien überqueren. Wir sind über das, was in unseren jeweiligen Länder geschieht, informiert. Wir teilen Erfahrungen, Triumphe, Tragödien und Ambitionen.

Unsere zunehmende Interdependenz beinhaltet die Chance, die Vorteile innovativer Wissenschaft und der immer enger verknüpften Volkswirtschaften zu erforschen und zu genießen. Wie uns der Generalsekretär gerade in Erinnerung rief, gehört dazu auch die geteilte Verantwortung für die Befreiung der Menschheit von Armut, Krankheiten, Umweltverschmutzung und Krieg. Aufgrund dieser Verantwortung wiederum müssen wir sicherstellen, dass die Vereinten Nationen ihre Arbeit tun können.

Vor 55 Jahren wurden die Vereinten Nationen geschaffen, um die nachfolgenden Generation vor der Geißel des Kriegs zu befreien. Heute sind mehr Menschen mit der Macht, dies zu erreichen, in diesem Raum, als je zuvor an einem Ort versammelt waren. Heute gibt es weniger Krieg zwischen, aber mehr Kriege innerhalb von Nationen. Derartige interne, oft durch ethnische und religiöse Differenzen ausgelöste Konflikte, haben in den letzten zehn Jahren fünf Millionen Menschenleben gefordert. Die meisten waren völlig unschuldige Opfer.

Diese Konflikte stellen uns vor eine enorme Herausforderung. Sind sie Teil der Geißel, zu deren Ausmerzung die Vereinten Nationen geschaffen wurden? Wenn ja, müssen wir Souveränität und territoriale Integrität respektieren, aber dennoch einen Weg finden, Menschen und Grenzen gleichermaßen zu schützen.

Das letzte Jahrhundert lehrte uns, dass es Zeiten gibt, zu denen die internationale Gemeinschaft Partei ergreifen muss, statt nur zwischen den Parteien oder am Rande zu stehen. Wir standen vor einer solchen Bewährungsprobe und meisterten sie, als Herr Milosevic versuchte, das vorige Jahrhundert mit dem letzten Kapitel der ethnischen Säuberung und des Abschlachtens zu beschließen. Seit einem Jahrzehnt stehen wir im Irak vor einer solchen Bewährungsprobe. Die Vereinten Nationen haben hierfür einen gerechten Plan erarbeitet, in dem dargelegt wird, was zu tun ist. Er steht im Einklang mit unseren Resolutionen und Werten und muss durchgesetzt werden.

In Burma stehen wir heute vor einer weiteren Bewährungsprobe. Dort wurde eine mutige und beliebte Politikerin, Aung San Suu Kyi, trotz wiederholter Resolutionen der Vereinten Nationen wieder unter Hausarrest gestellt, während ihre Anhänger im Gefängnis sitzen und ihr Land leidet.

Die meisten Konflikte und Dispute sind allerdings nicht so eindeutig. Legitime Beschwerden und Ambitionen sind auf beiden Seiten zur Genüge vorhanden. Hier gibt es keine Alternative für an Prinzipien ausgerichtete Kompromisse und die Beilegung alter Ressentiments, damit das Leben weitergehen kann. In diesem Moment stehen führende Politiker vom Nahen Osten über Burundi und den Kongo bis nach Südasien vor der Wahl zwischen Konfrontation und Kompromiss.

Vorsitzender Arafat und Premierminister Barak sind heute unter uns. Sie haben zugesagt, die verbleibenden Differenzen untereinander dieses Jahr beizulegen und so schließlich den Prozess von Oslo zum Abschluss zu bringen, der in der Grundsatzerklärung, die vor sieben Jahren in diesem Monat im Weißen Haus unterzeichnet wurde, verankert ist.

Allen denjenigen, die das Recht Israels, in Sicherheit und Frieden zu leben unterstützt haben und allen denjenigen, die sich in diesen vielen Jahren für die Sache Palästinas eingesetzt haben, möchte ich sagen: Beide Seiten brauchen heute mehr als je zuvor Ihre Unterstützung, um die großen Risiken für den Frieden einzugehen. Beide Seiten haben die Chance, es zu tun. Aber wie alle Chancen im Leben ist sie vergänglich und geht bald vorüber. Es gilt, keine Zeit zu verlieren.

Wenn sich führende Politiker entscheiden, diese Chance für den Frieden zu ergreifen, müssen wir ihnen behilflich sein. Immer häufiger werden die Vereinten Nationen in Situationen um Hilfe gebeten, in denen mutige Menschen nach Versöhnung streben, aber die Feinde des Friedens diese zu unterminieren suchen. Hätten sich die Vereinten Nationen nicht in Osttimor engagiert, hätten die Menschen die Chance verloren, ihre Zukunft zu bestimmen.

Ich war zutiefst betroffen, als ich heute von der brutalen Ermordung von drei Hilfsarbeitern der Vereinten Nationen durch die Miliz in Westtimor hörte. Ich fordere die indonesischen Behörden auf, diesen Verstößen ein Ende zu machen.

Hätten die Vereinten Nationen sich nicht in Sierra Leone engagiert, wären zahllose Kinder heute tot. Aber in beiden Fällen hatten die Vereinten Nationen nicht die notwendigen Instrumente, um ihre Arbeit zu beenden. Wir müssen ihnen diese Instrumente an die Hand geben - gemeinsam mit friedenserhaltenden Truppen, die schnell entsandt werden können und über die richtige Ausbildung sowie das notwendige Gerät verfügen. Zudem müssen die Missionen klar definiert sein, unter guter Führung stehen, und es muss die notwendige Zivilpolizei vorhanden sein.

Außerdem müssen wir daran arbeiten, Konflikte zu verhindern; mehr Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen; den Entwicklungsländern mehr Schulden zu erlassen; mehr für die Bekämpfung von Malaria, Tuberkulose und AIDS zu tun, die für ein Viertel aller Todesfälle auf der Welt verantwortlich sind, sowie für die Verhütung von Krankheiten, die Entwicklung und den finanzierbaren Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen sowie die Eindämmung des Handels mit Dingen, mit denen sich Geld verdienen lässt und die den Konflikt profitabler als den Frieden machen - seien es Diamanten in Afrika oder Drogen in Kolumbien.

Alle diese Dinge sind teuer. Und alle Länder, einschließlich der Vereinigten Staaten, müssen dafür zahlen. Diese Kosten müssen gerecht aufgeteilt werden. Die Finanzstruktur der Vereinten Nationen muss gerecht reformiert werden, so dass die Organisation ihre Arbeit tun kann. Aber diejenigen in meinem Land oder andernorts, die meinen, wir kämen ohne die Vereinten Nationen aus oder könnten ihnen unseren Willen aufzwängen, deuten die Geschichte falsch und missverstehen die Zukunft.

Dies ist die letzte Gelegenheit für mich, als Präsident vor der Generalversammlung zu sprechen. Es ist die erhabenste Versammlung, die je stattfand, denn so viele von Ihnen sind von so weit her gekommen. Wenn ich in den vergangenen acht Jahren etwas gelernt habe, so ist es, dass wir immer stärker voneinander abhängig werden, ob es uns gefällt oder nicht. Wir müssen nach mehr Lösungen suchen, die einen gewissen Sieg für uns alle beinhalten und Entscheidungen meiden, die die vollständige Niederlage eines Beteiligten erfordern. Daher müssen wir mehr Sensibilität für unsere verschiedenen politischen, kulturellen und religiösen Anliegen entwickeln. Wir müssen allerdings eine noch größere Achtung vor unserer gemeinsamen Menschlichkeit entwickeln.

Die hier versammelten Staatsoberhäupter können die Menschheitsgeschichte im nächsten Jahrtausend neu schreiben. Wenn wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit gelernt haben, können wir unseren Kindern ein anderes Vermächtnis hinterlassen. Wir müssen allerdings an die einfachen Dinge glauben - dass überall, in jedem Land, die Menschen jeder Schicht wichtig sind. Jeder zählt, jeder hat eine Rolle zu übernehmen, und wir können mehr schaffen, wenn wir einander helfen.

Vielen Dank. Gott segne Sie alle.

Originaltext: President Clinton's Millennium Summit Address Sept. 6