• US-AUßENPOLITIK (07. April 2009)
Obama trifft sich mit türkischen Studenten
Rede des Präsidenten

ISTANBUL – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von US-Präsident Barack Obama bei einer Zusammenkunft mit Studenten im Tophane-Kulturzentrum vom 7 . April 2009.

Vielen herzlichen Dank. Ich freue mich sehr, heute hier zu sein. Ich möchte zunächst Professor Rahmi Aksungur danken – habe ich das richtig ausgesprochen? – dem Leiter der Universität. Und ich möchte allen jungen Menschen danken, die hier zusammengekommen sind. Das ist eine große Ehre für mich, und ich freue mich sehr auf unser Gespräch.

Ich werde anfangs ein paar Worte sagen, und dann möchte ich die meiste Zeit mit einem Meinungsaustausch mit Ihnen verbringen und Ihnen die Chance geben, mir Fragen zu stellen, und ich frage Sie vielleicht auch etwas.

Wie ich gestern bereits sagte, hatte ich einen Grund dafür, bei meiner ersten Auslandsreise als Präsident in die Türkei zu kommen, und der war nicht nur nicht nur, die wunderschönen Sehenswürdigkeiten hier in Istanbul zu sehen. Ich bin hierhergekommen, um zu bekräftigen, wie wichtig die Türkei ist und wie wichtig die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind. Ich bin aufgrund meines Respekts vor der türkischen Demokratie und Kultur hierhergekommen sowie aufgrund meiner Überzeugung, dass die Türkei in dieser Region und auf der Welt eine entscheidende Rolle spielt. Ich bin auch in die Türkei gekommen, weil ich fest entschlossen bin, zwischen den Vereinigten Staaten und den Menschen in der muslimischen Welt wieder Beziehungen aufzubauen, die auf gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Respekt gründen.

Die Türkei und die Vereinigten Staaten blicken auf eine lange Geschichte der Partnerschaft und Zusammenarbeit zurück. Es gab bereits vor über 150 Jahren Austausch zwischen unseren beiden Ländern. Seit mehr als fünfzig Jahren sind wir Verbündete in der NATO. Wir haben enge Kontakte im Handel und der Bildung, in Wissenschaft und Forschung. Die Vereinigten Staaten sind stolz, so viele Mitbürger türkischer Herkunft zu haben, die unser Land dynamischer und erfolgreicher gemacht haben. Die türkisch-amerikanischen Beziehungen stehen also auf einem soliden Fundament.

Dennoch hat es in den vergangenen Jahren einige Schwierigkeiten gegeben. In gewisser Hinsicht wurde das Fundament geschwächt. Wir hatten einige konkrete Meinungsverschiedenheiten bei politischen Fragen, aber wir haben auch gelegentlich das Gefühl dafür verloren, dass unsere beiden Länder gemeinsame Anliegen haben – dass wir gemeinsame Interessen und Werte haben und eine Partnerschaft unterhalten können, die unseren geteilten Hoffnungen und Träumen dient.

Ich bin also hierhergekommen, um dieses Fundament zu erneuern und darauf aufzubauen. Der Besuch in Ihrem Parlament hat mir gefallen. Ich hatte produktive Gespräche mit Ihrem Präsidenten und Ministerpräsidenten. Aber ich nehme mir auch gern Zeit, um direkt mit den Menschen zu sprechen, insbesondere mit jungen Menschen. In den nächsten Minuten möchte ich mich auf drei Bereiche konzentrieren, in denen wir meiner Meinung nach Fortschritte machen können: die Förderung des Dialogs zwischen unseren beiden Ländern, aber auch die Förderung von Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und der muslimischen Welt, der Ausweitung von Bildungschancen und Sozialhilfe sowie der Kontakt zu jungen Menschen als unsere wichtigste Hoffnung auf eine friedliche, erfolgreiche Zukunft sowohl in der Türkei als auch in den Vereinigten Staaten.

Ich möchte jetzt kurz auf diese drei Bereiche eingehen.

Erstens bin ich der Meinung, dass wir einen offenen, ehrlichen, lebhaften und auf Respekt gründenden Dialog führen können. Sie sollten wissen, dass ich mich persönlich für ein neues Kapitel amerikanischen Engagements einsetzen möchte. Wir können es uns nicht leisten, aneinander vorbeizureden, uns nur auf unsere Differenzen zu konzentrieren oder zuzulassen, dass um uns herum Mauern des Misstrauens errichtet werden.

Stattdessen müssen wir einander genau zuhören. Wir müssen uns auf Bereiche konzentrieren, in denen wir Gemeinsamkeiten finden und die Ansichten der anderen Seite auch dann respektieren, wenn wir nicht derselben Meinung sind. Wenn wir das tun, denke ich, dass wir einige unserer Differenzen und Entzweiungen der Vergangenheit überbrücken können.

Ein Teil dieses Prozesses besteht darin, Ihnen ein besseres Gefühl für die Vereinigten Staaten zu vermitteln. Ich weiß, es gibt Stereotype über die Vereinigten Staaten, und ich weiß, dass viele von ihnen nicht auf direkten Austausch oder Dialog zurückgehen, sondern auf Fernsehsendungen, Filme und Fehlinformationen. Manchmal legen sie nahe, dass die Vereinigten Staaten selbstsüchtig und geschmacklos geworden sind und sich nicht um die Welt außerhalb der eigenen Grenzen scheren. Ich bin hier, um Ihnen zu sagen, dass das nicht das Land ist, das ich kenne, und auch nicht das Land, das ich liebe.

Die Vereinigten Staaten haben wie jede andere Nation Fehler gemacht und haben ihre Defizite. Aber seit mehr als zweihundert Jahren streben wir unter großen Anstrengungen und Opfern nach einer perfekteren Union und danach, mit anderen Nationen eine hoffnungsvollere Welt zu schaffen. Wir setzen uns weiterhin für das Allgemeinwohl ein, wir haben Bürger in unzähligen Ländern, die in wunderbaren Funktionen als Ärzte, Landwirtschaftsexperten, Lehrer arbeiten – Menschen, die sich dafür einsetzen, die Welt zu verbessern.

Wir sind auch ein Land unterschiedlicher Einflüsse und Hautfarben und Religionen, das sich um eine Reihe gemeinsamer Ideale schart. Die Vereinigten Staaten sind noch immer ein Ort, an dem jeder die Chance hat, es zu schaffen, wenn er es nur versucht. Wenn das nicht wahr wäre, wäre jemand mit dem Namen Barack Hussein Obama nicht zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Das ist das Amerika, das Sie kennenlernen sollten.

Zweitens glaube ich, dass wir eine Partnerschaft mit der Türkei und mit den Menschen überall in der muslimischen Welt eingehen können, um mehr Chancen zu ermöglichen. Diese Reise begann für mich in London beim Treffen der G20, und ein Thema, das wir dort erörtert haben, war, wie man Menschen und Ländern helfen kann, die ohne eigenes Verschulden hart von der derzeitigen Wirtschaftkrise getroffen wurden. Wir haben einige wichtige Schritte unternommen, um Schwellen- und Entwicklungsländern die Hand zu reichen, indem wir dem Internationalen Währungsfonds mehr als eine Billion Dollar bereitgestellt haben und historische Investitionen in die Nahrungsmittelsicherheit getätigt haben.

Aber es gibt auch das grundlegendere Thema, wie die Türkei und die Vereinigten Staaten jenen helfen können, die von der neuen Weltwirtschaft zurückgelassen wurden. In allen unseren Ländern gibt es Armut. In allen unseren Ländern gibt es junge Menschen, die nicht die Chancen auf die Bildung erhalten, die sie benötigen. Und das ist nicht nur in der Türkei oder in den Vereinigten Staaten der Fall, sondern überall auf der Welt. Wir sollten also zusammenarbeiten um herauszufinden, wie wir Menschen helfen können, ihre Träume zu verwirklichen.

Und hier liegt das Potenzial für die Vereinigten Staaten, mit Muslimen auf der ganzen Welt für eine Zukunft mit mehr Wohlstand zusammenzuarbeiten. Ich möchte eine neue Partnerschaft zugunsten grundlegender Prioritäten bilden: Was können wir tun, damit mehr Kinder eine gute Ausbildung erhalten? Was können wir tun, um Gesundheitsfürsorge in Regionen bereitzustellen, die am Rand der globalen Gesellschaft liegen? Welche Schritte können wir über Handel und Investitionen unternehmen, um neue Arbeitsplätze, Branchen und letztendlich mehr Wohlstand für uns alle zu schaffen? Für mich ist das der wahre Test um herauszufinden, ob wir eine Welt hinterlassen, die besser und hoffnungsvoller ist als die, die wir vorgefunden haben.


Abschließend möchte ich noch sagen, wie sehr ich gerade auf die jungen Menschen zähle, eine friedlichere Zukunft mit mehr Wohlstand zu gestalten. Diese, Ihre Generation ist bereits in einer Welt erwachsen geworden, die von gleichermaßen dramatischen und schwierigen Veränderungen geprägt ist. Durch beispiellosen Zugang zu Informationen und Erfindungen haben Sie zwar enorme Möglichkeiten, aber Sie stehen auch vor großen Herausforderungen – eine Weltwirtschaft im Übergang, Klimawandel, Extremismus, alte Konflikte, aber neue Waffen. Dies alles sind Themen, mit denen Sie sich als junge Menschen in der Türkei und auf der ganzen Welt auseinandersetzen müssen.

Ich bin stolz, in den Vereinigten Staaten einen neuen Geist des aktiven Handelns und der Verantwortung beobachten zu können. Ich habe ihn bei den jungen Amerikanern gesehen, die an unseren Schulen unterrichten oder als Freiwillige für das Ausland arbeiten. Ich habe es bei meinem Präsidentschaftswahlkampf erlebt, in den junge Menschen die Energie und den Idealismus einbrachten, der die ganze Anstrengung ermöglichte. Ich habe ihn auch überall dort gesehen, wo ich hinreise und mit Gruppen wie dieser hier spreche. Überall, wo ich hingehe, finde ich leidenschaftliche, engagierte und fundiert über die Welt um sie herum informierte junge Menschen vor.

Als Präsident möchte ich deshalb neue Wege finden, Kontakte zwischen jungen Amerikanern und jungen Menschen auf der ganzen Welt zu knüpfen, indem ich Chancen für den Erwerb neuer Sprachen, freiwillige Dienste und Studien schaffe und Studenten aus anderen Ländern bei uns willkommen heiße. Das war schon immer ein entscheidender Teil dessen, wie sich die Vereinigten Staaten auf der ganzen Welt engagiert haben. So kam mein Vater, der aus Kenia stammt, aus Afrika in die Vereinigten Staaten und traf dort schließlich meine Mutter. So wurde das Robert College vor so langer Zeit hier in Istanbul gegründet.

Einfacher Austausch kann Mauern zwischen uns niederreißen, denn wenn Menschen zusammenkommen, miteinander sprechen und gemeinsame Erfahrungen machen, dann zeigen sich ihre Gemeinsamkeiten. Wir werden dann daran erinnert, dass uns alle verbindet, dass wir ein produktives und sinnvolles Leben wollen. Wenn das geschieht, beginnt das Misstrauen zu verblassen, und unsere kleinen Differenzen überschatten unsere Gemeinsamkeiten nicht mehr. So beginnen Fortschritte.

Ich möchte, dass Sie alle wissen: Die Welt wird das sein, was Sie aus ihr machen. Sie können sich dafür entscheiden, neue Brücken zu bauen statt neue Mauern. Sie können sich dafür entscheiden, auf der Suche nach dauerhaftem Frieden langjährige Trennlinien zu überwinden. Sie können sich dafür entscheiden, Wohlstand zu fördern, an dem alle teilhaben, nicht nur die wenigen Vermögenden. Sie sollten wissen, dass Sie bei diesen Unterfangen in den Vereinigten Staaten von Amerika einen Partner, einen Unterstützer und einen Freund finden werden.

Ich freue mich sehr, dass Sie alle heute hierhergekommen sind. Jetzt beantworte ich gerne Ihre Fragen. Haben wir Saalmikrofone im Publikum? Wir können es also so machen, dass Sie einfach die Hand heben und ich dann jeden einzeln aufrufe – wenn Sie dann bitte aufstehen und sich vorstellen könnten. Ich habe ein kleines Mikrofon in meiner Tasche hier, falls Sie türkisch sprechen möchten, denn mein Türkisch ist nicht so gut – ich habe einen Dolmetscher.

Okay? Nun gut. Ich möchte sichergehen, dass wir vor dem Ruf zum Gebet fertig sind, also haben wir etwa eine halbe Stunde. Gut? Okay, dann fangen wir an.

Originaltext: Remarks of President Barack Obama at Student Roundtable
Siehe: http://www.whitehouse.gov/the_press_office/Remarks-Of-President-Barack-Obama-At-Student-Roundtable-In-Istanbul/