• US-WAHLEN (05. August 2008)
Wählerinnen in den Vereinigten Staaten
Von Kellyanne Conway

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir den Artikel "Wählerinnen in den Vereinigten Staaten" aus dem elektronischen Journal "The Long Campaign: U.S. Elections 2008", herausgegeben vom Büro für internationale Informationsprogramme im US-Außenministerium im Oktober 2007.

Mehr als die Hälfte der amerikanischen Wählerschaft besteht aus Frauen. Sie nahmen seit mehr als 40 Jahren Einfluss auf die Wahlergebnisse. Eine republikanische Meinungsforscherin untersucht Wahlentscheidungen von Frauen, erörtert Themen, die Frauen wichtig sind, und beschreibt einige Gruppen von Frauen, die beim Präsidentschaftswahlkampf 2008 interessant sein werden. Kellyanne Conway ist Präsidentin und Geschäftsführerin eines Unternehmens mit dem Namen the polling company,™inc. in Washington. WomanTrend ist eine Abteilung des Unternehmens.

Die Durchschnittsfrau in den Vereinigten Staaten wacht jeden Morgen auf und sieht sich mit einer Unzahl von Aufgaben, Interessen und Sorgen konfrontiert, die zwar per se nicht politischer Natur sind, aber von den politischen und staatlichen Entscheidungen beeinflusst werden. Dazu zählen beispielsweise folgende Themen: Erhält mein Kind an seiner Schule eine gute Ausbildung? Ist unsere Nachbarschaft sicher? Wenn ich meinen Arbeitsplatz wechsele, verliere ich dann meine Krankenversicherung? Reicht das Einkommen meiner Eltern aus der Sozialversicherung aus, so dass sie ihr Haus behalten können und ihr Erspartes nicht aufbrauchen müssen?

Der Blick zurück: Eine historische Perspektive

Seit 1964 stellen Frauen eine Mehrheit der wahlberechtigten Bevölkerung, aber erst im Jahr 1980 überstieg der Prozentsatz der wahlberechtigten Frauen, die tatsächlich wählen gingen, den Anteil der Männer, die ihre Stimme abgaben. Trotz all der Ängste der Erbsenzähler, dass Frauen einen kleinen Anteil der politischen Ämter in diesem Land einfordern oder übernehmen könnten (und trotz der Tatsache, dass noch nie eine Frau zum Präsidenten gewählt wurde), nehmen Frauen seit mehr als achtzig Jahren Einfluss auf die Wahlergebnisse. Sie haben über Präsidenten und Präzedenzfälle entschieden und damit die öffentliche Politik unmittelbar und massiv beeinflusst.

Frauen bevorzugen Amtsinhaber, insbesondere beim Amt des Präsidenten. Sie entscheiden sich lieber für eine bekannte Marke, die sie schon ausprobiert haben, als für etwas Neues und Unbekanntes. Die letzten drei Präsidenten, die wiedergewählt wurden, sind bei ihrer zweiten Kandidatur sogar von mehr Frauen unterstützt worden als bei ihrer ersten. Auch bei den Wahlen zum Kongress sind Frauen zuverlässige Unterstützer von Amtsinhabern und daher in ihrem Wahlverhalten beständiger als Männer. Ironischerweise ist diese natürliche Vorliebe, Amtsinhaber zu wählen, ein Grund dafür, warum Frauen, die sich um ein Amt bewerben, als Herausforderer nicht erfolgreich sind.

Die weibliche Nichtwählerin wird von Politikern, Parteien, Experten und professionellen Beratern ignoriert, die sich mehr auf "wahrscheinliche Wähler" oder "Wechselwähler" eingeschossen haben. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 ging mehr als die Hälfte (54,5 Prozent) der Frauen im Alter zwischen 18 und 24 nicht wählen. Die Wahlbeteiligung von Frauen in dieser Altersgruppe lag jedoch höher als bei den gleichaltrigen Männern, von denen nur 40 Prozent wählten. Am anderen Ende des Altersspektrums gingen nur 29 Prozent der 65- bis 74-jährigen Frauen nicht wählen, verglichen mit 26,1 Prozent der Männer in derselben Altersgruppe. Die häufigsten Gründe, die Frauen dafür angeben, dass sie nicht wählen gehen, sind "Krankheit/Behinderung" (19,8 Prozent), "zu beschäftigt/terminlicher Konflikt" (17,4 Prozent), "nicht interessiert" (10,7 Prozent) und "mochte weder die Kandidaten noch die Wahlkampfthemen" (9,7 Prozent). Abgesehen von den letzten beiden Antworten ist es hierbei wichtig zu sehen, dass nahezu neun von zehn Frauen aus anderen Gründen als fehlendem Interesse nicht wählen gingen.

Was wollen weibliche Wähler wirklich?

Traditionell geht man davon aus, dass sich Frauen mehr für den Themenkomplex Sozialversicherung, Gesundheitsvorsorge und Bildung interessieren, während Männern die Themen Krieg und die Wirtschaft wichtiger sind. Die letzten drei nationalen Wahlen (2002, 2004 und 2006) zeigen, dass diese einfache Kategorisierung nicht mehr zutrifft.

2004 und auch 2006 teilten Frauen den Meinungsforschern mit, dass sich die Belange, die sie dazu brachten, zu wählen und für einen bestimmten Kandidaten zu stimmen, nicht auf die traditionellen "Frauenthemen" konzentrierten. Bei einer Frage mit zehn möglichen Antwortvorgaben führte die Situation im Irak die Liste der entscheidenden Anliegen für die Wahlentscheidung an (22 Prozent), gefolgt vom Krieg gegen den Terror (15 Prozent). Moral/Familienwerte und Arbeitsplatz/Wirtschaft erhielten jeweils 11 Prozent, während die übrigen sechs Optionen nur Antworten im einstelligen Bereich bekamen.

Wie meine Koautorin, die demokratische Meinungsforscherin Celinda Lake, und ich in "What Women Really Want: How American Women Are Quietly Erasing Political, Racial, Class and Religious Lines to Change the Way We Live" (Free Press, 2005) darlegen, gehen Frauen auch nicht nur wegen eines bestimmten Themas wählen. Sie neigen vielmehr dazu, eine Vielzahl von Ideen, Themen, Personen, Eindrücken und Ideologien gegeneinander abzuwägen, bevor sie eine endgültige Entscheidung treffen. Die Konzentration der Medien auf die umstrittenen Themen erweckt den Eindruck, Frauen kümmerten sich am Wahltag nur um ein Thema und es erfordere besondere Aufmerksamkeit für dieses Thema, damit Frauen wählen. In Wirklichkeit weist das Wahlverhalten von Frauen auf eben das Gegenteil hin.

Frauen sind keine Nische

Frauen sind nicht monolithisch in ihren Meinungen oder ihrer Stimmabgabe innerhalb des politischen Systems. Bei der Wahl stimmt eine Frau vielleicht für alle Demokraten, eine andere womöglich für alle Republikaner, während eine dritte möglicherweise vorgeht wie am Salatbuffet und die Personen und Themen wählt, die ihr am meisten entsprechen. Schlussendlich stellen sich weibliche Wählerinnen bei der Entscheidung, wen sie als Präsidenten unterstützen, zwei grundlegende Fragen: "Mag ich die Person?" und "Ist die Person mir ähnlich?" Die erste Frage ist der klassische "Wohnzimmer"-Test: Will man den Kandidaten die nächsten vier oder acht Jahre in seinem Wohnzimmer im Fernsehen sehen? Die zweite ist eine komplexere Fragestellung, die darauf abzielt, herauszufinden, ob eine Frau der Meinung ist, dass für den Kandidaten dieselben Dinge wichtig sind, er sich denselben Herausforderungen stellt und vor denselben Dingen Angst hat wie sie.

Es ist nicht möglich, die Lebenserfahrung und Meinungen der amerikanischen Frauen in die zwei Kategorien Republikaner und Demokraten aufzuteilen. Da Frauen mehr als ihre politische Ideologie mit zur Wahlurne nehmen, müssen Politiker die Lebensphasen und demografischen Kategorien kennen, in die Frauen sich einordnen lassen. Ein Konzept, das wir oft in meiner Firma, der polling company,™ inc./WomanTrend verwenden, nennen wir "die drei Gesichter von Eva", das sich durch die drei sehr verschiedenen Leben verdeutlicht, die eine 48-jährige Frau in diesem Land führen kann. Sie kann eine in einer Fabrik arbeitende Großmutter sein, eine unverheiratete und kinderlose Karrierefrau oder eine verheiratete Mutter von zwei Kindern. Technisch fallen alle drei in dieselben demografischen Alters- und Geschlechtskategorien, aber ihre Lebenserfahrungen unterscheiden sich stark, was unterschiedliche Perspektiven bezüglich des aktuellen Zeitgeschehens zur Folge hat. Politik ist für Frauen keine isolierte Kategorie, vielmehr ist Politik eine allumfassende Arena, in die sie ihre Lebenserfahrung, Bedürfnisse und Erwartungen exportieren.

Zu den Frauen, die man 2008 im Auge behalten sollte, gehören:

Unternehmerinnen: Frauen besitzen ungefähr 10,4 Millionen Unternehmen in den Vereinigten Staaten und beschäftigen mehr als 12,8 Millionen Amerikaner. Während 75 Prozent aller amerikanischen Unternehmen keine Angestellten haben, sind erstaunliche 81 Prozent der Firmen im Besitz von Frauen Ein-Personen oder "Tante-Emma-Läden". Die Anzahl von Firmen im Besitz von Frauen nimmt doppelt so schnell zu wie die Gesamtzahl der Firmen.

Unverheiratete Frauen: Amerikanische Frauen schieben ihre Heirat nicht auf, weil sie keine Wahl haben, sondern weil sie in der Tat Wahlmöglichkeiten haben. Derzeit sind 49 Prozent der Frauen über 15 Jahren unverheiratet, und mehr als die Hälfte (54 Prozent) dieser Frauen fallen in die Alterskategorie 25 bis 64.

Noch-nicht-Mütter: Immer mehr Frauen sind berufstätig und bekommen erst nach dem traditionellen Gebäralter Kinder. Weniger Frauen Ende 20 und Anfang 30 können sich mit der Kategorisierung "verheiratet und Kinder" identifizieren.

Junior-Senioren: Frauen im Alter von 50 bis 64, von denen viele Kinder haben, die zuhause leben, erwarten Leistungen und die Ewigkeit (das Streben nach der Verlängerung des Lebens), suchen nach Lösungen und Vollkommenheit.

Frauen aus Minderheiten: Heute gehören ein Drittel der in den Vereinigten Staaten lebenden Menschen einer Minderheit an, und vier Bundesstaaten haben bereits Minderheiten, die die Mehrheit bilden - fünf weitere werden erwartungsgemäß 2025 folgen. Die hispanische Bevölkerung wird aller Wahrscheinlichkeit nach den größten Einfluss auf die US-Bevölkerung haben, aber die Zunahme an asiatisch-amerikanischen Wählern ist auch ein interessanter Trend, der beobachtet werden sollte.

Frauen aus der Generation Y: Wie eine von der polling company, ™ inc. und Lake Research Partners für Lifetime Television durchgeführte Umfrage zeigt, ist die Mehrheit (54 Prozent) der weiblichen Angehörigen der Generation Y (der Jahrgänge seit 1979) der Meinung, dass Wählen die beste Möglichkeit darstellt, etwas in der amerikanischen Politik zu bewirken. Jenseits des politischen Spektrums gaben fast die Hälfte (42 Prozent) der weiblichen Angehörigen der Generation Y an, die beste Möglichkeit, auf der Welt etwas zu verändern, bestünde darin, "entweder mit Zeit oder Geld jenen zu helfen, denen es schlechter geht als mir". Nur zwei Prozent entschieden sich - bei sechs angebotenen Optionen - dafür, dass eine "aktive Rolle in der Politik" die beste Möglichkeit sei, das zu tun. Bedürftigen zu helfen wurde gefolgt von "ein guter Mensch sein" (16 Prozent), "dazu beitragen, dass Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen aufhören" (9 Prozent), "dazu beitragen, die Umwelt zu retten" (8 Prozent) und "mein Land verteidigen und schützen, indem ich im Militär diene" (4 Prozent).

Wenn eine Frau zornig sagt "Ich hasse Politik," sagt sie damit eigentlich, dass es ihr egal ist, wer die öffentlichen Schulen verwaltet und was dort unterrichtet wird, wie man in den Vereinigten Staaten Zugang zur Gesundheitsfürsorge bekommt, wie sie geleistet und bezahlt wird und ob das Land sicher, wohlhabend und global wettbewerbsfähig ist. Aber natürlich meint sie das nicht. Politik und Regierungsführung sind Mittel, mit denen Veränderungen in diesen Bereichen angestoßen werden, aber nicht unbedingt das Prisma, durch das Frauen sich mit ihnen befassen.

Ausblick für die Wahl 2008

Was können die Präsidentschaftskandidaten 2008 von den Wählerinnen erwarten? Die Variable in dieser Präsidentschaftswahl könnte eine weibliche Kandidatin sein, wobei sich die Debatte nicht auf das ob, sondern das wann konzentriert. Die Diskussion hat sich von einer hypothetischen Präsidentin auf eine konkrete Präsidentin, Hillary Rodham Clinton, verlagert.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben aber gezeigt, dass Frauen nicht unbedingt Frauen wählen. Wenn sie das täten, hätten die US-Senatorinnen Elizabeth Dole oder Carol Moseley-Braun die Nominierungen ihrer Parteien für die Präsidentschaftswahl gewonnen, als sie es im Jahr 2000 und 2004 versuchten, wenn man von der grundsätzlichen Tatsache ausgeht, dass die Mehrheit der Wähler Frauen sind. Der Wahlkampf 2008 unterscheidet sich von vergangenen Wahlkämpfen, da es viele potenzielle "erste Male" gibt. Eine Frau, ein Afroamerikaner, ein Mormone, ein Hispanier, und alle sind gut aufgestellt, um die Nominierung ihrer Partei zu erhalten.

Parteitreue ist wichtiger als das Geschlecht eines Kandidaten, wie eine Umfrage von Newsweek im Juli 2007 befand. Demnach sagten 88 Prozent der Männer und 85 Prozent der Frauen, dass sie im Falle der Nominierung einer Kandidatin für diese stimmen würden, wenn sie der Aufgabe gewachsen sei. Die Amerikaner äußern sich jedoch weniger enthusiastisch über den "weiblichen Faktor" wenn es darum geht, wie sie ihre Mitbürger einschätzen: Nur 60 Prozent der Männer und 56 Prozent der Frauen glauben, dass das Land bereit für eine Präsidentin ist. Beim Thema Hautfarbe sind die Wähler weniger zögerlich, wenn es darum geht, einen afroamerikanischen Kandidaten ihrer Partei zu wählen. 92 Prozent der Weißen und 93 Prozent der Nichtweißen sagen, sie würden einen solchen Kandidaten unterstützen. Im Vergleich zur Geschlechterfrage haben weniger Wähler Zweifel, dass das Land bereit für einen afroamerikanischen Präsidenten ist: Nur 59 Prozent der weißen und 58 Prozent der nichtweißen Wähler sind der Meinung, dass das Land einen schwarzen Präsidenten wählen würde. Bei Umfragen kommt es vor, dass Wähler ihre Einstellungen und Stereotype auf ihre Freunde, Familie und Mitbürger übertragen, um ihre eigene Position zu bekräftigen und gleichzeitig das zu verbergen, von dem sie glauben oder wissen, dass es ein "inakzeptabler" oder "unbeliebter" Standpunkt ist. Ein Vorbehalt bei diesem Konzept besteht darin, dass die Meinung der Wähler von der Tatsache beeinflusst werden könnte, dass es 2008 einen starken afroamerikanischen und eine starke weibliche Kandidatin gibt. Jegliche Ablehnung eines "Afroamerikaners" oder einer "Frau" könnte auch einfach Abneigung gegenüber einem einzelnen Kandidaten sein.

Obwohl der Kandidatenwettkampf der offenste seit Jahrzehnten ist (da zum ersten Mal seit 80 Jahren weder ein amtierender Präsident noch ein amtierender Vizepräsident kandidiert) ist doch eines klar: Wie seit 1980 werden Frauen eine Mehrheit der Wählerschaft stellen, die entscheidet, wer als nächstes im Oval Office sitzt.

Die in diesem Artikel vertretene Meinung spiegelt nicht unbedingt die Ansichten oder Politik der US-Regierung wider.

Originaltext: Women Voters in the United States
Siehe: http://usinfo.state.gov/journals/itdhr/1007/ijde/conway.htm