- • US-POLITIK (31. Juli 2007)
Das Geschäft von Amerika, Teil II
- Landwirtschaft, Massenproduktion, die Arbeiterbewegung und das Wirtschaftssystem
GEWERKSCHAFTEN
Das Fabriksystem, das um 1800 herum entstand, veränderte die Arbeitsbedingungen entscheidend. Der Arbeitgeber war nicht mehr Seite an Seite mit seinen Angestellten tätig. Er wurde zum Vorgesetzten, und mit der Übernahme von Produktionsaufgaben durch Maschinen stiegen Facharbeiter zu gemeinen Arbeitern ab. In schlechten Zeiten konnten sie durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden, die niedrigere Löhne erhielten.
Mit der Ausweitung des Fabriksystems begannen die Arbeiter, Gewerkschaften zu gründen, um ihre Interessen zu schützen. Die erste Gewerkschaft, die regelmäßig Versammlungen einberief und Beiträge einsammelte, wurde 1792 von Schuhherstellern in Philadelphia gegründet. Kurz darauf organisierten sich auch Zimmermänner und Lederhandwerker in Boston sowie Drucker in New York gewerkschaftlich. Gewerkschaftsmitglieder einigten sich über ihrer Ansicht nach angemessene Löhne, versprachen, nicht für Unternehmer zu arbeiten, die weniger bezahlten und übten Druck auf Arbeitgeber aus, damit diese ausschließlich Gewerkschaftsmitglieder anstellten.
Die Arbeitgeber wehrten sich vor Gerichten, die meist entschieden, dass gemeinsame Maßnahmen seitens der Arbeiter eine illegale Verschwörung gegen den Arbeitgeber und die Gemeinschaft darstellten. Im Jahr 1842 entschied jedoch das Oberste Gericht in Massachusetts, dass es nicht illegal sei, wenn Arbeiter sich an friedlichen Gewerkschaftsaktivitäten beteiligten. Dieser Richterspruch wurde weithin akzeptiert, und über viele Jahre hinweg mussten sich die Gewerkschaften keine Sorgen um mögliche Anschuldigen wegen Verschwörung machen. Die Gewerkschaften weiteten ihre Bemühungen aus und setzten sich nicht mehr nur für entsprechende Löhne sondern auch einen 10-Stunden-Arbeitstag und gegen Kinderarbeit ein. Diverse Gerichte auf bundesstaatlicher Ebene entschieden zu ihren Gunsten.
KÄMPFE UND ERFOLGE
Während der Phase der starken industriellen Entwicklung zwischen 1865 und 1900 wuchs die Arbeitnehmerschaft erheblich an, insbesondere in der Schwerindustrie. Aber zu Zeiten der wirtschaftlichen Depression litten die neuen Arbeiter. Streiks, die manchmal auch von Gewalt begleitet waren, wurden alltäglich. Die Gesetzgeber vieler Bundesstaaten verabschiedeten neue Gesetze gegen Verschwörung, die der Unterdrückung der Arbeiterschaft dienen sollten.
Als Reaktion darauf gründeten Arbeiter Organisationen mit nationaler Reichweite. Die Anzahl der Mitglieder bei der Organisation Knights of Labor wuchs in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts auf 150.000 an. Als Zeitungen die Gruppe als gefährliche Radikale beschrieben, brach die Organisation schnell auseinander. Anhaltender war dagegen der Erfolg der American Federation of Labor (AFL), die 1886 von Samuel Gompers gegründet wurde, einem hochrangigen Mitglied in der Gewerkschaft der Zigarrenhersteller. Die AFL umfasste Handwerkergewerkschaften und ihre Mitglieder. Bis 1904 wuchs sie auf 1,75 Millionen Mitglieder an, wodurch sie zu der landesweit führenden Arbeitnehmerorganisation wurde.
Zu einer Zeit, zu der viele europäische Arbeiter revolutionären Gewerkschaften beitraten, die die Abschaffung des Kapitalismus forderten, folgten die meisten amerikanischen Arbeiter der Führung Gompers, der einen größeren Anteil der Arbeiter am Wohlstand, den sie schufen, erreichen wollte. Eine radikale Alternative wurde durch Industrial Workers of the World (IWW) angeboten, einer Gewerkschaft, die 1905 von Vertretern aus 43 Gruppen gegründet wurde, die gegen die Linie der AFL waren. Die IWW forderte mithilfe von Streiks, Boykotten und Sabotage das Ende des Kapitalismus. Sie war gegen die Beteiligung der Vereinigten Staaten am Ersten Weltkrieg und versuchte, die US-Kupferproduktion während des Krieges lahm zu legen. Nachdem im Jahr 1912 mit 100.000 Mitgliedern der Höchststand erreicht wurde, verschwand die IWW bis 1925 fast vollständig, da ihre führenden Mitglieder landesweit strafrechtlich verfolgt wurden und sich im Land während und nach dem Ersten Weltkrieg eine Stimmung gegen Radikalismus ausbreitete.
Anfang des 19. Jahrhunderts schufen die AFL und Vertreter der American Progressive Movement ein Bündnis (siehe Kapitel 3). Gemeinsam führten sie Kampagnen für Gesetze auf Bundes- und Staatenebene durch, die die Arbeiterschaft unterstützen sollten. Ihre Bemühungen führten zur Verabschiedung von Gesetzen auf Ebene der Bundesstaaten, die Kinderarbeit verboten, die Zahl der Arbeitsstunden für Frauen beschränkten und ein Entschädigungsprogramm für Arbeiter einführten, die bei Ausübung ihrer Tätigkeit verletzt wurden. Auf der Bundesebene verabschiedete der Kongress Gesetze zum Schutz von Kindern, Bahnarbeitern und Seeleuten. Darüber hinaus wurde im Kabinett des Präsidenten das Arbeitsministerium geschaffen. Während des Ersten Weltkrieges machten die Gewerkschaften große Fortschritte, und im Januar 1919 hatte die AFL mehr als drei Millionen Mitglieder.
ROTE GEFAHR UND WIRTSCHAFTSKRISE
Zu Beginn der Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts schien die gewerkschaftlich organisierte Arbeiterschaft stärker als jemals zuvor. Aber eine kommunistische Revolution in Russland löste die "Rote Angst" aus, also Befürchtungen, dass auch in den Vereinigten Staaten die Revolution ausbrechen könnte. Währenddessen streikten Arbeiter in vielen Teilen des Landes für höhere Löhne. Einige Amerikaner nahmen an, dass diese Streiks von Kommunisten und Anarchisten angeführt würden. Während der Progressive Era hatten die Amerikaner eher mit der Arbeiterschaft sympathisiert, nun standen sie ihr feindlich gesinnt gegenüber. Und wieder beschränkten die Gerichte die Gewerkschaftstätigkeit.
Das Pendel schwang aber während der Weltwirtschaftskrise wieder zurück in Richtung Gewerkschaften. Als Teil des New Deal versprach Präsident Franklin Roosevelt, den "vergessenen Menschen" zu helfen, beispielsweise den Landwirten, die ihr Land oder Arbeitern, die ihren Arbeitsplatz verloren hatten. Der Kongress garantierte Arbeitern das Recht, Gewerkschaften beizutreten und Tarifverträge auszuhandeln und schuf eine Bundesbehörde für Arbeitsbeziehungen (National Labor Relations Act), um Streitigkeiten zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern beizulegen.
Bald darauf kam es in der AFL zu Spannungen zwischen Fach- und Industriearbeitern, die zur Gründung einer neuen Arbeiterorganisation führten, dem Congress of Industrial Organizations (CIO). Die neue Organisation wuchs schnell. Ende der Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts hatte sie mehr Mitglieder als die AFL.
Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Beschäftigung fanden erst ein Ende, als die Vereinigten Staaten 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Fabriken benötigten mehr Arbeiter, um Flugzeuge, Schiffe, Waffen und andere Produkte herzustellen, die für den Krieg benötigt wurden. 1943 dienten 15 Millionen Amerikaner in den Streitkräften, was zu einem Arbeitskräftemangel in den Vereinigten Staaten führte. Daher wurden Frauen (entgegen der traditionellen gesellschaftlichen Haltung) dazu ermutigt, diese Stellen einzunehmen. Es dauerte nicht lange, und einer von vier Arbeitern in kriegsrelevanten Fabriken war eine Frau.
DIE ERWERBSBEVÖLKERUNG HEUTE
Nach dem Krieg überzog eine Welle von Streiks für höhere Löhne das Land. Arbeitgeber beschwerten sich, dass die Gewerkschaften zu viel Macht hätten, und der Kongress stimmte zu. Er verabschiedete Gesetze, die Abkommen über gewerkschaftspflichtige Betriebe ("closed shop" agreement) für illegal erklärten. Durch sie waren Arbeitgeber gezwungen worden, nur Gewerkschaftsmitglieder anzustellen. Die Gesetze ermöglichten es den Bundesstaaten, Gesetze über das Recht zu arbeiten ("right-to-work" laws) zu verabschieden, die Abkommen verboten, durch die Arbeiter gezwungen wurden, einer Gewerkschaft beizutreten, nachdem sie angestellt worden waren. 1955 schlossen sich die AFL und CIO zusammen und bildeten die AFL-CIO.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Arbeiter, die einer Gewerkschaft beitreten, gesunken. Zu den Gründen dafür zählen der Rückgang der Schwerindustrie, die zu den Hochburgen der Gewerkschaften gehörte, sowie die fortwährende Automatisierung und somit der Wegfall von Fabrikarbeitsplätzen. Dennoch bleiben gewerkschaftlich organisierte Arbeiter eine wichtige Kraft in der US-Wirtschaft und US-Politik, und die Arbeitsbedingungen haben sich laufend verbessert.
Heute ist der Frauenanteil an der Erwerbsbevölkerung höher als jemals zuvor. Obwohl die amerikanische Arbeitswoche bei 35 bis 40 Stunden liegt, gibt es viele Abweichungen von der Regel: Es gibt Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten ("flexi-time" - beispielsweise arbeitet man vielleicht an vier Tagen zehn Stunden pro Tag anstatt sieben oder acht und hat am fünften Tag frei) oder sie arbeiten von zu Hause über Telefon, Computer und Faxgerät.
DAS AMERIKANISCHE WIRTSCHAFTSSYSTEM
Die Vereinigten Staaten erklärten 1776 ihre Unabhängigkeit, in demselben Jahr, in dem der schottische Ökonom Adam Smith "Der Wohlstand der Nationen" schrieb, ein Buch, das enormen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Amerikas hatte. Wie viele andere Denker auch war Smith der Auffassung, dass die Menschen in einem kapitalistischen System von Natur aus eigennützig sind und sich motiviert fühlen, im herstellenden Gewerbe oder Handel tätig zu werden, um an Wohlstand und Macht zu gewinnen. Smith argumentierte jedoch als einziger, dass derartige Aktivitäten von Vorteil sind, da sie Produktion und Wettbewerb fördern. Folglich können Waren weiter und zu niedrigeren Preisen zirkulieren, Arbeitsplätze werden geschaffen und Wohlstand breitet sich aus. Obwohl Smith argumentierte, dass die Menschen zwar vom engstirnigen Wunsch angetrieben würden, sich zu bereichern, verleite sie "eine unsichtbare Hand" dazu, die ganze Gesellschaft zu bereichern und zu verbessern.
Die meisten Amerikaner sind der Meinung, dass der Aufstieg ihrer Nation zur großen Wirtschaftsmacht in keinem anderen System als dem Kapitalismus möglich gewesen wäre, auch bekannt als das freie Unternehmertum gemäß einer sich aus dem Ansatz von Smith ableitenden Maxime: dass die Regierung so wenig wie möglich in den Handel eingreifen sollte.
DIE BÖRSE
Schon zu Beginn der amerikanischen Geschichte merkten die Menschen, dass sie durch den Verleih von Geld an Personen, die ein Geschäft auf- oder ausbauen wollten, Geld verdienen konnten. Bis heute leihen sich mittelständische Unternehmer üblicherweise das Geld, das sie benötigen, von Freunden, Verwandten oder Banken. Bei größeren Unternehmen ist es jedoch wahrscheinlicher, dass sie an Bargeld kommen, indem sie Aktien oder Wertpapiere an unabhängige Parteien verkaufen. Diese Transaktionen finden normalerweise an der Börse statt.
Die Europäer schufen 1531 die erste Börse in Antwerpen (Belgien). Die Institution "Börse" kam 1792 in die Vereinigten Staaten und florierte, insbesondere die New York Stock Exchange in der Gegend um die Wall Street in New York, dem Finanzzentrum des Landes.
Außer an Wochenenden und Feiertagen geht es an Börsen jeden Tag sehr geschäftig zu. Im Allgemeinen sind die Preise für Aktien relativ niedrig, und selbst Amerikaner mit moderaten finanziellen Mitteln kaufen und verkaufen Aktien und hoffen, dabei Gewinne in Form von regelmäßig ausgeschütteten Aktiendividenden zu machen. Sie hoffen auch, dass sich der Preis der Aktien im Lauf der Zeit nach oben entwickelt, so dass sie einen zusätzlichen Gewinn machen, wenn sie ihre Aktien verkaufen. Es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass sich das Unternehmen hinter der Aktie auch gut entwickeln wird. Wenn es das nicht tut, sind die Dividenden möglicherweise niedrig oder es gibt keine, und der Preis der Aktie fällt.
DAS SYSTEM WIRD VERÄNDERT
Adam Smith würde die hier erwähnten Entwicklungen in der amerikanischen Volkswirtschaft wiedererkennen, andere nicht. Wie wir gesehen haben, forderte die industrielle Entwicklung in den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert ihren Tribut von den Arbeiterinnen und Arbeitern. Fabrikbesitzer verlangten oft von ihnen, viele Stunden für wenig Lohn zu arbeiten. Sie ließen sie an unsicheren und gesundheitsschädlichen Arbeitsplätzen arbeiten und beschäftigten die Kinder armer Familien. Bei der Beschäftigung gab es Diskriminierung. Afroamerikaner und Mitglieder einiger Einwanderergruppen wurden abgelehnt oder gezwungen, zu höchst unvorteilhaften Bedingungen zu arbeiten. Die Unternehmer nutzten den Mangel an Kontrolle durch die Regierung voll aus, um sich selbst zu bereichern, indem sie Monopole bildeten, Wettbewerb ausschalteten, hohe Preise für Produkte festsetzten und mangelhafte Waren verkauften.
Als Reaktion auf diese negativen Aspekte und auf Druck der Gewerkschaften sowie der Progressive Movement begannen die Amerikaner im 19. Jahrhundert, ihr Vertrauen in den uneingeschränkten Kapitalismus zu verlieren. 1890 wurde im Rahmen des Sherman-Antitrust-Gesetzes der erste Schritt unternommen, Monopole aufzubrechen. 1906 verabschiedete der Kongress Gesetze, die die genaue Kennzeichnung von Lebensmitteln und Medikamenten sowie die Prüfung von Fleisch vorsahen. Während der Weltwirtschaftskrise setzten Präsident Roosevelt und der Kongress Gesetze um, die die wirtschaftliche Situation verbessern sollten. Darunter waren Gesetze zur Regulierung des Verkaufs von Aktien, Bestimmungen zu Löhnen und Arbeitszeiten in den verschiedenen Branchen sowie strengere Kontrollen für die Herstellung und den Verkauf von Lebensmitteln, Medikamenten und Kosmetika.
In den vergangenen Jahrzehnten haben besorgte Amerikaner argumentiert, dass Adam Smiths Philosophie nicht den kumulativen Auswirkungen einzelner Unternehmensentscheidungen auf die Umwelt Rechnung trage. Neue Bundesbehörden wie die US-Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency) sind entstanden. Neue Gesetze und Bestimmungen sind erlassen worden um sicherzustellen, dass Unternehmen nicht die Luft und das Wasser verschmutzen und genug Grünflächen für die Menschen erhalten bleiben.
Die Summe dieser Gesetze und Bestimmungen hat den amerikanischen Kapitalismus verändert. Ein Schriftsteller hat diese Veränderung folgendermaßen beschrieben: "von einem frei laufenden zu einem aufgezäumten und gesattelten Pferd." Es gibt in den Vereinigten Staaten heute fast kein zum Verkauf stehendes Produkt, das nicht von der einen oder anderen staatlichen Bestimmung reguliert wird.
Politisch Konservative sind der Meinung, es gäbe zu viel Wirtschaftsregulierung durch die Regierung. Sie argumentieren, dass einige der Bestimmungen, an die sich Firmen halten müssen, unnötig und zu kostenintensiv sind. Als Reaktion auf derartige Beschwerden hat die Regierung versucht, den bürokratischen Aufwand für Unternehmen zu reduzieren und grundlegende Ziele oder Standards aufzustellen, denen Unternehmen entsprechen müssen, anstatt detaillierte Betriebsregeln vorzugeben.
Wenngleich sie auch beschwerlich sein können, so scheinen die Regeln und Bestimmungen, die heute maßgebend für die Geschäftstätigkeit von Unternehmen sind, ehrgeizige Amerikaner nicht davon abzuhalten, ihre Träume zu verwirklichen und sie gelegentlich auch zu übertreffen. Bill Gates ist ein solcher Unternehmer. Mit nur 20 Jahren startete Gates 1975 eine Softwarefirma mit dem Namen Microsoft. Nur zwei Jahrzehnte später war Microsoft die größte Softwarefirma der Welt, mit 20.000 Angestellten weltweit und einem jährlichen Nettogewinn von mehr als zwei Milliarden Dollar.
Originaltext: Chapter Five: The Business of America
siehe: http://usinfo.org/potraitamerica/ch5.htm