• USA-DEUTSCHLAND (23. Mai 2007)
Marshallplan gilt als Modell für gut organisiertes, kurz angelegtes Programm
Erfolg des amerikanischen Hilfsprogramms von parteienübergreifender, multinationaler Unterstützung abhängig

WASHINGTON – (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Büro für internationale Informationsprogramme herausgegebenen Artikel über den Marshallplan vom 23. Mai 2007.

Historiker sind der Meinung, dass die Ereignisse in Europa und den Vereinigten Staaten Ende der Vierzigerjahre so einzigartig waren, dass es unwahrscheinlich ist, dass der Marshallplan jemals unter anderen Gegebenheiten wiederholt werden könnte.

Sie sagen aber auch, dass der Plan – der als eine der größten Errungenschaften in der Außenpolitik im vergangenen Jahrhundert angesehen wird - es dennoch wert ist, als maßgebliches Modell dafür betrachtet zu werden, wie ein erfolgreiches internationales Regierungsprogramm organisiert und durchgeführt werden kann.

"Es ist schwer, sich vorzustellen, dass es noch einmal funktionieren könnte", sagte Larry I. Bland, Leiter der George C. Marshall Foundation in Lexington (Virginia) und Herausgeber der gesammelten Papiere von Marshall.

"Die meisten Menschen stellen es sich als Sozialprogramm vor", erklärte Bland. "Aber es war viel raffinierter als das."

Der von Marshall im Juni 1947 vorgeschlagene Plan bot bedeutende amerikanische Finanzhilfen, wenn die vom Krieg zerrissenen europäischen Regierungen zusammenarbeiteten und das Geld zum Nutzen der gesamten Region einsetzten. Die europäischen Regierungen mussten sich auch bereit erklären, die amerikanischen Beiträge mit ihren eigenen Geldern zu ergänzen.

Es war ein großzügiges Angebot. Aber die Vereinigten Staaten hatten auch ein großes Eigeninteresse daran. Ein wirtschaftlich starkes Europa würde keine Hilfe von den Vereinigten Staaten mehr benötigen, würde wieder amerikanische Produkte kaufen und eine kommunistische Machtergreifung in Europa verhindern.

Bland sagte, er habe aufgegeben zu zählen, wie oft Menschen mit guten Absichten vorschlugen, einen neuen Marshallplan zur Lösung der zahlreichen wirtschaftlichen Probleme auf der Welt umzusetzen. "Wiederaufbau", sagte er, war das zentrale Wort beim Programm zum Wiederaufbau Europas (European Recovery Program), der offiziellen Bezeichnung des Marshallplans. Das Ziel war nicht, Handel und Fachwissen an Orten zu schaffen, wo es dies nie gegeben hatte, sondern Europa zu helfen, seinen ehemaligen Wohlstand wiederherzustellen. Westeuropa verfügte bereits über funktionierende Rechtssysteme, Achtung vor Privateigentum sowie jahrhundertelanger Entwicklung hin zu demokratischer Regierungsführung.

"Wir haben mit Menschen zu tun, die bereits wissen, wie man es macht, und die bereits über bürgerliche Werte verfügen", sagte Bland. "Es ist nicht so, dass wir diesen Menschen beibringen müssen, Demokraten und Kapitalisten zu sein."

Bland und andere sind dennoch der Meinung, dass der Marshallplan als Beispiel für ein gut geführtes Regierungsprogramm dienen kann.

"Was in der Vergangenheit einmal funktioniert hat, sollte man nicht vergessen", sagte Barry Machado, Verfasser von "In Search of a Usable Past: The Marshall Plan and Postwar Reconstruction Today".

Der Marshallplan hatte folgende erfolgreiche Elemente:

• Parteienübergreifende Unterstützung Das US-Außenministerium und die Truman-Administration regten starke öffentliche Unterstützung für den Plan zu einer Zeit an, in der das Weiße Haus und der Kongress von oppositionellen politischen Parteien geführt wurden. Marshall, Trumans Außenminister, wurde allgemein als unparteiisch bewundert, weil er bei Präsidentschaftswahlen nicht wählen ging.

• Öffentliche Unterstützung Marshall und andere US-Beamte reisten durch die Vereinigten Staaten und erklärten den Bürgern in Städten und auf dem Land die Bedeutung des Plans. Die kriegsmüden Amerikaner sollten höhere Steuern zahlen und landwirtschaftliche Ausrüstung nach Europa schicken, was zu zeitweiligen Defiziten im Inland führte. Dennoch hatte das umfassende Informationsprogramm zur Folge, dass viele Unternehmer, Landwirte und Arbeitnehmer das Programm unterstützten.

• Internationale Unterstützung Länder, die Gelder aus dem Marshallplan annahmen, mussten an einem groß angelegten Öffentlichkeitsprogramm teilnehmen, im Rahmen dessen ihren Bürgern der Plan erklärt wurde. Bekannte amerikanische Medienvertreter taten sich mit europäischen Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern zusammen, um den Marshallplan zu unterstützen. Sie hatten das gut finanzierte, von der Sowjetunion unterstützte Kommunistische Informationsbüro (Kominform) gegen sich, das versuchte, dem Marshallplan die öffentliche Unterstützung zu entziehen. Amerikanische Gewerkschaftsführer wurden auf Informationsreisen durch Europa geschickt, um für das amerikanische Ideal einer nicht konfrontativen Beziehung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu werben.

• Multilateraler Ansatz Anstatt den Europäern vorzuschreiben, wie sie das Geld ausgeben und ihre Länder neu organisieren sollten, bestand Marshall darauf, dass die europäischen Länder selbst die Führung übernehmen müssten. Die Vereinigten Staaten als Gebernation behielten sich lediglich ein Vetorecht bei den Ausgabeplänen vor.

• Unabhängige Behörde Der Kongress schuf eine neue US-Regierungsbehörde, die speziell für die Umsetzung des Programms sowie die Verringerung von Konkurrenzdenken zwischen den verschiedenen Institutionen zuständig war. Die Economic Cooperation Administration (ECA) wurde in Washington von Paul Hoffman, einem führenden Vertreter der Republikaner und geachteten Manager in der Automobilindustrie geleitet. Hoffmans Stellvertreter, der von Paris aus arbeitete, war W. Averell Harriman, ein ebenso geachteter führender Demokrat, ehemaliger Botschafter, Unternehmer und Bankier. Jedes teilnehmende Land hatte auch ein US-Team vor Ort.

• Wenig Bürokratie, viel Talent. Die ECA gab es nur vier Jahre lang. Hunderte talentierter Kandidaten bewarben sich auf jede offene Stelle bei der eigenständigen Behörde mit der besonderen Aufgabenstellung. Als sich die für eine Behörde typische bürokratische Schwerfälligkeit entwickelte, wurde die ECA bereits wieder geschlossen. Es wurde zu Flexibilität und Eigeninitiative ermutigt. Viele Angestellte bei der ECA waren junge Idealisten, die später Führungspersönlichkeiten in ihrem jeweiligen Fachgebiet wurden. Andere waren erfahrene Beamte, die während der 15 Jahre zuvor dazu beigetragen hatten, die Vereinigten Staaten aus der Weltwirtschaftskrise und durch den Zweiten Weltkrieg zu leiten. Von den ehemaligen Mitarbeitern der ECA erhielten zwei später den Nobelpreis, zwei den Pulitzerpreis, acht wurden Collegedekane oder -präsidenten, 12 Botschafter und einer UNICEF-Direktor.

• Transparenz Die Länder, die Hilfe im Rahmen des Marshallplans erhielten, mussten ihre nationalen Finanzen vollständig offen legen und belegen, für was die Mittel aus dem Marshallplan ausgegeben wurden. Die ECA selbst wurde streng vom Kongress überwacht, der jedes Jahr eine gründliche Rechnungsprüfung vornahm, bevor zusätzliche Mittel bewilligt wurden.

• Keine Korruption Gemessen an der Tatsache, dass die ECA in den ersten 18 Monaten ihres Bestehens zwei Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts verwaltete, war die Behörde erstaunlich frei von Korruption und Skandalen. Einstellungsentscheidungen wurden ausschließlich basierend auf den Fähigkeiten des Bewerbers getroffen, nicht basierend auf Günstlingswirtschaft. In einem Fall bat ein einflussreicher Kongressabgeordneter darum, dass ein hochqualifizierter Verwandter bei der ECA eingestellt würde. Um jeglichen Eindruck von Vetternwirtschaft zu vermeiden, wurde er nicht eingestellt.

Josef Joffe, Chefredakteur und Herausgeber der deutschen Zeitung Die Zeit, schrieb im Jahr 2006, dass eine der Lektionen aus dem Marshallplan neben der Konzentration auf grenzübergreifende Kooperation die strategische und umsichtige Bereitschaft war, "amerikanischen Interessen durch die Förderung der Interessen anderer zu dienen".

Der vollständige Text von "In Search of a Usable Past: The Marshall Plan and Postwar Reconstruction Today" kann auf der Website der Marshall Foundation eingesehen werden.

Weitere Informationen finden Sie auch in den Texten "Marshallplan für den Wiederaufbau Europas hallt noch nach 60 Jahren nach" und "Marshallplan brachte Europa auf den Weg der Einheit".

Originaltext: Marshall Plan Seen as Model for Well-Run, Short-lived Program
siehe: http://usinfo.state.gov/xarchives/display.html?p=washfile-english&y=2007&m=May&x=20070523150115MVyelwarC0.1018946