• USA-EUROPA (29. Mai 2007)
Der Marshallplan
Eine Strategie, die funktionierte

WASHINGTON – (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Geschichte des Marshallplans von David W. Ellwood, außerordentlicher Professor für internationale Geschichte an der Universität Bologna, aus einem elektronischen Journal des Büros für internationale Informationsprogramme im US-Außenministerium vom Mai 2007 .

Der Mythos des Marshallplans ist heute ebenso stark wie sein wahres geschichtliches Vermächtnis. 1955 beschrieb der offizielle Historiker des Marshallplans, wie aus einem einen Absatz langen "Vorschlag" des US-Außenministers George Marshall bei einer Abschlusszeremonie in Harvard ein Programm wurde, das sich "schnell zu einem umfassenden, beherzten, internationalen Abenteuer entwickelte: Während sich das Vorhaben entfaltete nahm es viele unterschiedliche Bedeutungen für viele verschiedene Menschen an." Fünfzig Jahre später war das Projekt so berühmt, dass dies noch immer zutraf.

David W. Ellwood ist außerordentlicher Professor für internationale Geschichte an der Universität von Bologna (Italien) sowie Dozent am Bologna Center der Johns Hopkins Universität.

Es fing nicht als Plan an, und einige der Zeitzeugen sagen, dass es nie ein Plan wurde. Der zweite Organisator des Programms, Harlan Cleveland, nannte es "eine Reihe von Improvisationen... ein andauerndes, internationales Happening." Aber das European Recovery Program (ERP), besser bekannt als der Marshallplan, ist als erfolgreichstes Projekt der amerikanischen Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg in die Geschichte eingegangen.

Nach dem Sturz des Apartheid-Systems forderten die Südafrikaner einen Marshallplan. Nach dem Fall der Berliner Mauer forderten die Osteuropäer und Russen den Marshallplan, der ihnen 1947 von der Sowjetunion verwehrt worden war. Aus Angst vor einer politischen Fragmentierung in Afrika schlug die britische Regierung im Jahr 2005 eine koordinierte internationale Intervention nach dem Beispiel des Marshallplans vor.

Der Mythos des Marshallplans ist heute ebenso stark wie sein wahres geschichtliches Vermächtnis. 1955 beschrieb der offizielle Historiker des Marshallplans, wie aus einem einen Absatz langen "Vorschlag" des US-Außenministers George Marshall bei einer Abschlusszeremonie in Harvard ein Programm wurde, das sich "schnell zu einem umfassenden, beherzten, internationalen Abenteuer entwickelte: Während sich das Vorhaben entfaltete, nahm es viele unterschiedliche Bedeutungen für viele verschiedene Menschen an." Fünfzig Jahre später war das Projekt so berühmt, dass dies noch immer zutraf.

Eine Idee entsteht

Drei unvorhergesehene Entwicklungen führten im Frühling des Jahres 1947 zur Entwicklung eines neuen amerikanischen Projekts, mit dem man Westeuropa helfen wollte. Die erste war bedingt durch die physikalischen Gegebenheiten in Europa nach dem Zeiten Weltkrieg, nach den schweren Rückschlägen aufgrund des extremen Winters 1946/1947. Die zweite war das Unvermögen der Truman-Doktrin - eines offenen Programms, das Griechenland und der Türkei helfen sollte, sich gegen Druck aus der Sowjetunion zu wehren - einen konstruktiven Weg in die Zukunft aufzuzeigen. Die dritte war die zermürbende Erfahrung von Außenminister George Marshall auf der Konferenz der Außenminister in Moskau von März bis April 1947, auf der es um die Zukunft Deutschlands ging.

Marshall war Anfang 1947 von Präsident Harry S. Truman als Außenminister zurück in den öffentlichen Dienst berufen worden, nachdem er nach dem Krieg nach Ende seiner Tätigkeit als Stabschef der Armee im Pentagon in den Ruhestand gegangen war. Marshalls Erfolge in seinem Amt - Churchill nannte ihn "den Organisator des Sieges", und seine Charaktereigenschaften - Schärfe, Integrität und Uneigennützigkeit - machten ihn zur wichtigsten öffentlichen Persönlichkeit seiner Zeit. Seine Geduld und sein Pflichtgefühl wurden in Moskau aufs Äußerste auf die Probe gestellt. George Kennan, ein ranghoher amerikanischer Diplomat, fasste Marshalls prägnante Schlussfolgerung, als er die sowjetische Hauptstadt verließ, folgendermaßen zusammen: "Europa lag in Trümmern. Etwas musste getan werden. Wenn er (Marshall) nicht die Initiative ergriffen hätte, hätten andere das getan."

Kennan und sein politischer Planungsstab im US-Außenministerium verfassten eines der Masterdokumente, aus denen schließlich der Marschallplan entstand. Ihre Denkansätze leiteten sich teils aus der von der Roosevelt-Ära geprägten Sichtweise der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise ab: Klassenhass, Armut, Rückständigkeit und mangelnde Hoffnung auf Veränderung. Diese Politiker wollten nach dem Krieg eine Welt aufbauen, die die Forderungen des einfachen Bürgers nach einer Teilhabe an den Vorzügen der Industrialisierung unterstützte. Sie waren der Meinung, dass sich Menschen überall auf der Welt, die im Wohlstand lebten oder die Aussicht darauf hatten, nicht totalitären Systemen zuwenden würden.

Aber es gab eine besondere europäische Dimension der Marshall-Bestrebungen. Personen wie Kennan, Dean Acheson, Abteilungsleiter im US-Außenministerium, sowie der zukünftige Koordinator des Marshallplans, Averell Harriman, waren der Meinung, dass der Nationalismus der böse Geist Europas war. Man dachte, wenn man diese Wurzel des nationalsozialistischen Faschismus in einem integrierten europäischen Rahmen einschließen könnte, würde der daraus resultierende Wohlstand vielleicht nationalistischen Wettbewerb mildern, zukünftige bewaffnete Konflikte verhindern und der Beteiligung der Vereinigten Staaten an zukünftigen europäischen Kriegen vorbeugen.

Auf diese Art und Weise wurden Modernisierung und Integration zu den beiden Zielen des ERP, und man befasste sich damit, wie man sie erreichen konnte. Zentrales Element der Methodik des Marshallplans war, dass die Europäer innerhalb der Vision des Plans selbst denken und handeln sollten. Das unterschied den Plan von anderen Hilfsprogrammen.

Marshalls kurze und nach außen hin einfache Bemerkungen an der Harvard University im Juni 1947 waren zuallererst Erklärungen für die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in Europa. Sie enthielten auch Warnungen an jene, die das Elend politisch ausnutzen wollten. Er gab das eindeutige Signal, dass die Hilfe der Vereinigten Staaten nicht abhängig von einer Ideologie verteilt werden würde, d. h. dass die Sowjetunion und andere kommunistische Nationen nicht aus ideologischen Gründen von der Teilnahme am Programm ausgeschlossen würden.

Dann kam der entscheidende Punkt der Rede, ein spannender Absatz, der die Europäer aufforderte, sich darauf zu einigen, was sie brauchten, und was sie tun würden, falls die Vereinigten Staaten helfen sollten. Marshall sagte: "Unsere Rolle sollte darin bestehen, den Entwurf eines europäischen Programms freundschaftlich zu fördern und es später zu unterstützen, soweit uns dies möglich ist." Der Außenminister bestand darauf, dass die Europäer gemeinsam handeln müssten, und dass man "eine Heilung und nicht nur eine Linderung der Symptome" anstreben müsse. Er schloss mit der Aufforderung an seine amerikanischen Mitbürger, "die ungeheure Verantwortung auf sich zu nehmen, die die Geschichte unserem Lande auferlegt hat."

"Wir erwarteten, dass sie zwei Zentimeter weit springen würden, aber sie sprangen sechs Meter", schrieb ein amerikanischer Journalist. In weniger als zwei Wochen organisierten die Außenminister Frankreichs und Großbritanniens eine Konferenz zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa (Conference on European Economic Cooperation - CEEC), die zwischen Ende Juni und Ende September in verschiedenen Phasen mithilfe 14 anderer Regierungen einen Bericht für das US-Außenministerium ausarbeitete. In diesem Bericht beschrieben die Länder die ihres Erachtens erforderliche Wirtschaftshilfe. Die meisten der vertretenen Staaten verfügten über keinen nationalen Plan, einige noch nicht einmal über ein Gesamtbild der Volkswirtschaft ihres Landes. Die Delegierten hatten keine Erfahrung mit gemeinsamer, kontinentweiter Planung. Sie kamen auf eine Gesamtsumme von 28 Milliarden Dollar. Die Zahl wurde von Washington sofort als viel zu hoch abgelehnt.

Aber die CEEC-Veranstaltung wurde am bekanntesten aufgrund der Teilnahme - und schnellen Abreise – einer großen sowjetischen Delegation unter Leitung des Außenministers des Kremls, Wjatscheslaw Molotow. Die Sowjets sahen sich mit dem Vorschlag des Westens einer gemeinsam formulierten und umgesetzten Wiederaufbaustrategie für Gesamteuropa konfrontiert, die Deutschland als eine wirtschaftliche Einheit behandelte, und verließen den Verhandlungstisch, wie Washington es antizipiert hatte. Die sowjetische Delegation brachte vor, dass die Amerikaner und ihre wichtigsten Verbündeten die europäischen Volkswirtschaften kontrollieren wollten – und sahen darin die neueste amerikanische Ausprägung von Imperialismus durch eine Großmacht. Moskau übte großen Druck auf die osteuropäischen Nationen aus, die Hilfe in Form des Marshallplans abzulehnen. Im Februar 1948 vergegenständlichte ein von Moskau angestifteter kommunistischer Staatsstreich in der Tschechoslowakei den Bruch zwischen den Alliierten.

Die Umsetzung des Plans

Nach einem langen Winter der Gespräche, einiger Überbrückungshilfe und großen Spannungen in den Ost-West-Beziehungen wurde das European Recovery Program offiziell durch ein Gesetz des Kongresses ins Leben gerufen, das Präsident Truman im April 1948 unterzeichnete. Zur Verwaltung des Projekts wurde eine neue Bundesbehörde geschaffen, die Economic Cooperation Administration (ECA). Der Demokrat Truman verlieh seiner Absicht Ausdruck, überparteiliche Unterstützung für das Programm zu gewinnen, indem er einen Republikaner, den Geschäftsführer des Automobilunternehmens Studebaker, zum Leiter der ECA machte. Die Gelder fingen sofort an zu fließen, und zwar unter strenger Aufsicht des Kongresses.

Die offizielle Verfügung des Programms definierte dessen Hauptziel als die Schaffung "einer gesunden Wirtschaft, unabhängig von außergewöhnlicher Hilfe von außen" in Westeuropa bis 1952. Der Wirtschaftshistoriker Immanuel Wexler bemerkte hierzu: "Das Gesetz definierte einen Wiederaufbauplan basierend auf vier besonderen Bemühungen: (1) starke Produktionsbestrebungen, (2) die Ausweitung des Außenhandels, (3) die Schaffung und Aufrechterhaltung innerer finanzieller Stabilität und (4) die Entwicklung (europäischer) Wirtschaftskooperation." Zur Bestürzung vieler Europäer, die einfach mit einem großen Hilfsprogramm gerechnet hatten, wurde schnell klar, dass eine solche Agenda nur durch dauerhafte strukturelle Veränderungen in den europäischen Volkswirtschaften realisiert werden könne, sowohl auf nationaler, als auch auf gesamteuropäischer Ebene. Das war es, was Marshall gemeint hatte, als er nichts Geringeres als "eine Heilung und nicht nur eine Linderung der Symptome" gefordert hatte.

Um der Herausforderung gerecht zu werden, wurde die Konferenz zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa (CEEC) schnell zur Organisation zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit in Europa (Organization for European Economic Cooperation - OEEC) unter Leitung des belgischen Ministerpräsidenten Paul-Henri Spaak. In der Zwischenzeit holten die amerikanischen Botschaften in den Mitgliedsnationen Unterschriften für die bilateralen Verträge ein, die die Pflichten der europäischen Regierungen gegenüber ihren neuen Sponsoren darlegten. Darunter war die Einverständniserklärung, dass die ECA in jeder nationalen Hauptstadt eine "Vertretung" einrichten würde. Ein offizielles Komitee stellte die Verbindung jeder Vertretung mit der Teilnehmerregierung sicher und überwachte den Ablauf des Programms vor Ort .

Die Hauptaufgabe des Komitees bestand darin, den sinnvollen Einsatz der Beträge aus dem neuen "Gegenwertfonds" zu planen. Das war ein charakteristisches Kennzeichen des ganzen Vorhabens, das Instrument, das den Marshallplan von den herkömmlichen Hilfsprogrammen unterschied. Der Fonds war ein bei jeder nationalen Bank eingerichtetes Konto, das speziell die Einnahmen aus dem lokalen Verkauf der im Rahmen des ERP bereitgestellten Waren enthielt. Ein Großteil der Hilfe war weder umsonst, noch so flüssig wie es sich die Europäer vorgestellt hatten. Es handelte sich stattdessen um Handelsware aus den Vereinigten Staaten, die an den höchstbietenden Käufer, egal, ob öffentlicher oder privater Hand, verkauft wurde. Die gezahlte Summe ging dann zurück in den Fonds, nicht in die Vereinigten Staaten. Aus diesem Fonds kam das Geld für nationalen Wiederaufbau und die Modernisierungsbestrebungen, wie die Vertretung der ECA und die Regierung jeder am Programm teilnehmenden Hauptstadt vereinbart hatten.

Gleichzeitig war der Marshallplan auch eine starke Waffe im Kalten Krieg. Botschafter Harriman, der Sonderbeauftragte für den Marshallplan in Europa, ging 1949 sogar soweit, die gesamten Bestrebungen als "Feuerlöscheinsatz" zu bezeichnen. Der Nachfolger Marshalls als Außenminister, Dean Acheson, die Person, die, wie er von sich selbst sagte: "wahrscheinlich mehr Reden über den Marshallplan gehalten und mehr Fragen dazu beantwortet hat als jeder andere", erinnerte sich, dass "Bürger und Kongressmitglieder letztendlich immer wissen wollten, wie der Marshallplan die Ausdehnung der sowjetischen Macht sowie die Akzeptanz der kommunistischen wirtschaftlichen und politischen Organisation und die Blockbildung verhinderte".

Den Plan an die Nutznießer verkaufen

Dem Plan traten die Kräfte des Kominform entgegen, einer internationalen Organisation, die im Oktober 1947 vom Kreml ausdrücklich zu dem Zweck ins Leben gerufen wurde, um den Marshallplan zu bekämpfen, indem politische Bestrebungen der nationalen kommunistischen Parteien unter sowjetischer Leitung koordiniert und Propagandamaßnahmen innerhalb jedes Mitgliedslandes dirigiert wurden. Zu einer Zeit, als kommunistische Kräfte einen bewaffneten Aufstand in Griechenland anführten, es so aussah, als ob sie die politische Macht in Italien ergreifen könnten, sie Chaos in Frankreich zu schüren schienen und wussten, was sie in Deutschland wollten - anders als der Westen in diesem Stadium - verlieh der Kalte Krieg dem Programm eine Dringlichkeit, aufgrund derer man überall zielgerichteter über das Problem nachdachte.

Außerdem waren sich die Planungsbeauftragten der ECA von Anfang an bewusst, dass sie zur Überwindung voraussichtlich auftretender politischer Hindernisse über die Köpfe der vor Ort Regierenden hinweg unmittelbar zur europäischen Öffentlichkeit würden sprechen müssen. Die Journalisten- und Filmemacher, die das ERP-Informationsprogramm ins Leben riefen, improvisierten rasch und machten das Programm bis 1949 zur größten Propagandaoperation, die je in Friedenszeiten von einem Land an eine Gruppe anderer Länder gerichtet worden war.

Der Plan entwickelt sich

Die frühen Jahre des Marshallplans, von Juni 1948 bis zum Beginn des Koreakriegs im Juni 1950, blieben allen Beteiligten als die goldene Epoche uneingeschränkter und lohnenswerter Wirtschaftsaktivität in Erinnerung. Experten wiesen darauf hin, dass die Wirtschaftsleistung, was Waren und Dienstleistungen in den ERP-Ländern anging, zwischen 1947 und 1949 um fast ein Viertel zunahm. Sie erklärten, dass der "Index der gesamtwirtschaftlichen Leistung vom Jahr 1938 ausgehend auf 115 stieg, verglichen mit 77 im Jahr 1946 und 87 im Jahr 1947". Die Landwirtschaft erholte sich, und die Fortschritte bei der Inflation wurden als "ungleichmäßig aber definitiv ermutigend" betrachtet. Der Auslandshandel der Mitgliedstaaten befand sich wieder auf Vorkriegsniveau, aber das Beachtenswerteste hierbei war der Kurswechsel. Der Handel war nun nicht mehr auf die alten europäischen Reiche ausgerichtet, sondern nahm am schnellsten innerhalb Westeuropas unter den ERP-Mitgliedstaten selbst zu. Die Erfahrung zeigte dann, dass dies eine langfristige strukturelle Verlagerung der Wirtschaftsaktivitäten des Kontinents darstellte, die einige Jahre später die politischen Forderung nach europäischer Einigung anspornen würde.

Bis Ende 1949 war deutlich geworden, dass die Partnerländer den Marshallplan in gewissen entscheidenden Gesichtspunkten anders betrachteten als die Planer in den Vereinigten Staaten. Die westeuropäischen Regierungen benötigten die Mittel des Marshallplans dringend, gleichzeitig versuchten sie aber, eine dauerhafte Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu vermeiden und allgemein amerikanische Hilfe zu Bedingungen zu erhalten, die ihre eigenen politischen Ziele umfassender berücksichtigen.

Die Briten gaben sich alle Mühe, sich dem Bestehen des Marshallplan auf sofortiger wirtschaftlicher Integration mit dem übrigen Europa zu widersetzen - der Hauptbedingung, an die die Hilfe des Marshallplans überall geknüpft war. Die Niederländer widersetzten sich dem Druck, ihr Reich im Namen des Freihandels zu demontieren. Die Österreicher weigerten sich strikt, ihr Eisenbahn- und Banksystem nach dem Wunsch der Amerikaner zu reformieren. Die Griechen lehnten die neue ERP-gestützte Währung ab, weil ihres Erachtens Schillingmünzen aus Gold die einzig wirklich verlässliche Form des Geldhandels waren. Ein italienischer Großindustrieller sagte dem Leiter der Vertretung in Rom, dass italienische Frauen immer zu Hause gefertigte Kleider aus Naturmaterialien bevorzugen würden, egal wie billig synthetische Fasern werden. Konserven mögen zwar billig sein, sagte er, aber die italienische Kochtradition würde immer vorgezogen werden. Kleine Unternehmen und traditionelle handwerkliche Fertigkeiten wären für die Zukunft Italiens ebenso wichtig, wie sie es in der Vergangenheit waren.

Bis 1950 hatten praktische Erfahrung und ausführliche Meinungsumfragen den Ausblick erheblich geändert. Nachdem die ERP-Planer erkennen mussten, dass die Europäer dem liberalen amerikanischen Kapitalismusmodell oft nichtkommunistische Sozialstaaten vorzogen, konzentrierten sie ihre Bemühungen auf einen Bereich, in dem es beträchtliche Übereinstimmung zwischen Europäern und Amerikaner gab: Sicherheit. Die Verwalter des Plans bestanden darauf, dass ERP-Leistungen überall in gleichem Ausmaß zur Verfügung stehen sollten. Ihr Ziel war es nun weniger, Europa zu reorganisieren, als kommunistischen Angriffen auf den Plan und die Idee einer sozialstaatlichen demokratischen Reform den Boden zu entziehen.

Die Auswirkungen des Korea-Kriegs

Die unerwartete und Angst einflößende Wendung der Ereignisse in Asien 1950 stellte die Existenz des Marshallplans bald infrage. Die scharf zugespitzte Konfrontation im Kalten Krieg, die mit der Invasion Südkoreas durch Nordkorea im Juni begann, verkürzte des Projekt zeitlich und veränderte es radikal, da der Marshallplan teils als Instrument für die allgemeine Wiederaufrüstung Westeuropas im Namen der "gemeinsamen Sicherheit" eingesetzt wurde. Durch Gesetzeszusätze des Kongresses, mit dem das ursprüngliche ERP-Gesetz 1951 und 1952 geändert wurde, wurden weitere 400 Millionen Dollar bewilligt, um europäische Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu überzeugen, die "amerikanische Definition dessen anzunehmen, was an sozialer und wirtschaftlicher Produktivität wünschenswert ist", aber nur so, dass die militärische Leistung für die nationale Verteidigung gegen die sowjetische Bedrohung in gleichem Maße zunimmt wie die Vebrauchsgüterproduktion. Man erwartete von allen mehr Einsatz für die allgemeinen Anstrengungen (daher die Stärkung der NATO) und damit den Wiederaufbau der Streitkräfte, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in desolatem Zustand befanden. Die ECA-Teams vor Ort kamen schnell zu dem Schluss, dass es keinen Konflikt zwischen der amerikanischen Forderung nach allgemeiner Wiederaufrüstung und den ursprünglichen Zielen des Marshallplans gab: es gehe nur darum, die bestehenden politischen Ziele an die neuen Anforderungen anzupassen.

In diesem Kontext wurde das erfolgreiche Informationsprogramm des Marshallplans schnell zu etwas, das "psychologischer Kriegsführung" ähnelte, wobei Wirtschaft und Gewerkschaften die Hauptfront in diesem ideologischen Kalten Krieg gegen den Kommunismus bildeten. Einer der einflussreichsten Köpfe des Marshallplans, der Stellvertretende Leiter (und später Amtierende Leiter) Richard M. Bissel, erklärte 1951 in der Juliausgabe von Foreign Affairs, einer führenden US-Publikation über internationale Beziehungen, dass die Vereinigten Staaten diesen Krieg in Europa am wirkungsvollsten Kraft des Vorbilds ihrer Wirtschaft und der starken Anziehungskraft führen können, die ihre Konsumgesellschaft auf Europäer aller Regionen und sozialen Schichten ausübe.

Coca-Cola und Hollywoodfilme mögen als zwei Produkte einer oberflächlichen und simplen Zivilisation angesehen werden. Aber amerikanische Maschinen, die Beziehungen zwischen den Tarifpartnern in den Vereinigten Staaten sowie amerikanisches Management und Ingenieurwesen werden überall geachtet... Es ist eine friedliche Revolution erforderlich, durch die einige der attraktiven Eigenschaften unseres Wirtschaftssystems – von Großserienproduktion bis Tarifverhandlungen - in das europäische System eingebracht werden können... [Dies] wird eine tief greifende Veränderung der Denkweise erfordern, eine Anpassung an die Mitte des 20. Jahrhunderts.

Die Bilanz

Letztendlich hat jedes Land erfolgreich seine eigene charakteristische Version von Bissells friedlicher Revolution umgesetzt. Wirtschaftlich gesehen war der Marshallplan in Griechenland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden weitaus wichtiger als in Irland, Norwegen oder Belgien. Für einige Länder, wie beispielsweise Italien, war er vielleicht nur ein Jahr lang wirklich ausschlaggebend, für andere flossen die Leistungen über mehrere Jahre.

Jedes Land nutzte die wirtschaftlichen Impulse, die von dem Plan ausgingen, auf unterschiedliche Weise. Die Dänen sicherten sich Rohstoffe und Energieversorgung. Andere, wie die Menschen in den deutschen Besatzungszonen, waren für die über den Marshallplan zur Verfügung gestellten Nahrungsmittel am dankbarsten. In Italien und Griechenland wurde der dauerhafteste Nutzen aus der Unterstützung für den Wiederaufbau von Eisenbahn, Straßen und Stromversorgung gezogen. In Frankreich standen industrielle Investitionen an erster Stelle, in Großbritannien wurde der Gegenwertfonds fast ausschließlich dafür verwendet, Kriegsschulden zu bezahlen und das Pfund wieder für den Wechselkurs freizugeben.

Sowohl Österreich als auch Schweden sind – jeder auf seine Art – der Ansicht, dass sich ihre erfolgreiche Bindung an den Westen auf den Marshallplan zurückführen lässt. In Italien und Frankreich gewannen die kommunistischen Parteien zwar weiter an Mitgliedern, aber sie hatten zumindest nicht die Macht ergriffen, und diese Länder orientierten sich im Verlauf des Kalten Krieges zunehmend gen Westen. Vielleicht profitierte Deutschland insgesamt am meisten, da es die durch den Marshallplan entstandene und geförderte Dynamik der europäischen Integration der neuen Bundesrepublik Deutschland ermöglichte, an Stärke und Respekt zu gewinnen, während gleichzeitig das Misstrauen der Nachbarn abgebaut wurde. Die erhoffte Revolution in den deutsch-französischen Beziehungen stellte sich tatsächlich ein. Unabhängig davon, aus welchen anderen, sich kurzzeitig aus den Notwendigkeiten des Kalten Krieges ergebenden Gründen sie entstand - keine politische Entwicklung zeigte den Kontrast zu der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg deutlicher als diese.

Fünfzig Jahre nach der großartigen Erfahrung frohlockte Jim Warren, ein am Marshallplan in Griechenland Mitwirkender:

Wir hatten ein Ziel, wir hatten Feuer im Bauch, wir arbeiteten wie verrückt, wir waren stark und diszipliniert im Denken, und wir konnten Ergebnisse programmieren, anstreben und erreichen.

Eine kurze Zeit lang suchte eine neue, intensive amerikanische Präsenz in Europa nach Möglichkeiten, die Erfolge der amerikanischen Wirtschaftserfahrung in Rezepte für die politische Rettung anderer umzusetzen. Dankbare Europäer dieser Zeit sprachen von einem "Gefühl der Hoffnung und der Zuversicht", das diese amerikanischen Planer mitbrachten, von "wiedergefundenem Mut und wiedererweckter Energie" in der Alten Welt.

In Europa setzte das Aufeinanderprallen importierter und einheimischer Modelle die Energie für den großen Wirtschaftsboom der Fünfzigerjahre frei. Der Marshallplan war der Funken, der die Kettenreaktion in Gang setzte. 1957 kamen dann die Römischen Verträge, die Grundlage für die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft. Obwohl dieses Schema der beginnenden wirtschaftlichen Integration weitaus weniger radikal war, als die amerikanischen Visionäre 1949 gefordert hatten, waren das Vermächtnis und die Versprechen des Marshallplans nirgendwo konkreter. Dieses Gründungsdokument leitete die friedliche wirtschaftliche Integration Europas ein, ein Prozess, der sich bis zum heutigen Tag fortsetzt.

Was die Amerikaner angeht, so hatten sie nach einem anfänglich wackeligen Auftritt als Weltmacht im Zweiten Weltkrieg schließlich eine Außenpolitik und eine Gesamtstrategie entwickelt, die "ihrer neuen Verantwortung als größter Gläubiger, Produzent und Konsument des 20. Jahrhunderts gerecht wurde" - wie Vera Micheles Dean es 1950 in einem Buch mit dem Titel Europa und die Vereinigten Staaten ausdrückte. Sie hatten sich auch ein neues nationales Image von den Vereinigten Staaten als Macht gegeben, die erfolgreich militärische, politische und wirtschaftliche Führung auf internationaler Ebene zusammenbringt, ein Image, dass immer wieder auftauchte, wenn Nationen sich von Krieg und Leiden ab- und einer neuen, hoffnungsvolleren Zukunft zuwandten.

Die in diesem Artikel vertretene Meinung spiegelt nicht unbedingt die Ansichten oder Politik der US-Regierung wider.

Originaltext: The Marshall Plan – A Strategy That Worked
siehe: http://usinfo.state.gov/journals/itps/0406/ijpe/ellwood.htm