- • US-GESELLSCHAFT/KULTUR (23. August 2006)
Charakteristische amerikanische Kunst, Teil I
- Musik, Tanz, Architektur, die bildenden Künste und Literatur
WASHINGTON (AD) Nachfolgend veröffentlichen wir das Kapitel "Charakteristische amerikanische Kunst" aus der Broschüre "Portrait of the USA", die vom Büro für internationale Informationsprogramme des US-Außenministeriums herausgegeben wurde.
Die Entwicklung der Künste in den Vereinigten Staaten Musik, Tanz, Architektur, bildende Künste und Literatur ist gekennzeichnet von Spannungen zwischen zwei starken Inspirationsquellen: dem europäischen Raffinement und der amerikanischen Originalität. Oft haben es die besten amerikanischen Künstler geschafft, auf beide Inspirationsquellen zurückzugreifen. Dieses Kapitel behandelt eine Auswahl amerikanischer Künstler, von denen einige sich in ihrem Werk mit dem Konflikt zwischen der alten und der Neuen Welt auseinandergesetzt haben.
MUSIK
Bis ins 20. Jahrhundert wurde die "ernste" Kunstmusik in den Vereinigten Staaten von europäischen Standards und Ausdrucksformen geprägt. Eine beachtenswerte Ausnahme war die Musik des Komponisten Louis Moreau Gottschalk (1829-1869), Sohn eines britischen Landwirts und einer Kreolin. Gottschalk belebte seine Musik mit den Melodien der Plantagenarbeiter und karibischen Rhythmen, die er in seiner Geburtsstadt New Orleans gehört hatte. Er war der erste amerikanische Pianist, der internationale Anerkennung gewann, aber sein früher Tod trug zu seiner relativen Unbekanntheit bei.
Die Kompositionen von Edward MacDowell (1860-1908) waren eher repräsentativ für die frühe amerikanische Musik. Er baute seine Werke nicht nur nach europäischem Vorbild auf, er wehrte sich auch heftig gegen die Bezeichnung "amerikanischer Komponist". Er konnte sich nicht von der Auffassung befreien, die auch viele der frühen amerikanischen Schriftsteller behinderte: Gänzlich amerikanisch zu sein, bedeutete seiner Meinung nach, provinzlerisch zu sein.
Eine charakteristische amerikanische Form der klassischen Musik entstand, als Komponisten wie George Gershwin (1898-1937) und Aaron Copland (1900-1990) ursprünglich amerikanische Melodien und Rhythmen in aus Europa entliehene Formen integrierten. Gershwins "Rhapsody in Blue" und seine Oper "Porgy and Bess" wurden von Jazzmusik sowie afroamerikanischen Volksliedern beeinflusst. Ein Teil seiner Musik ist auch bewusst urban gehalten: Die Anfangsmelodie seines Stücks "Ein Amerikaner in Paris" ahmt beispielsweise das Hupen von Taxis nach.
Harold C. Schonberg schreibt in seinem Buch "The Lives of Great Composers", dass Copland dazu beitrug, "die übermäßige deutsche Dominanz in der amerikanischen Musik zu durchbrechen". Er studierte in Paris, wo er ermutigt wurde, sich von Traditionen abzuwenden und sich seinem Interesse an Jazz hinzugeben (mehr zum Thema Jazz finden Sie in Kapitel 11). Abgesehen davon, dass er Symphonien, Konzerte und eine Oper schrieb, komponierte er auch die Musik für mehrere Filme. Am bekanntesten ist er für seine Ballett-Partituren, die auf amerikanischen Volksliedern beruhen, wie etwa "Billy the Kid", "Rodeo" und "Appalachian Spring".
Ein weiterer ursprünglich amerikanischer Komponist war Charles Ives (1874-1954), der Elemente von beliebten klassischen Musikstücken mit starken Dissonanzen kombinierte. "Ich habe gemerkt, dass ich nicht einfach immer nur die bekannten Töne verwenden konnte", erklärte er. "Ich habe etwas anderes gehört." Seine eigenwillige Musik wurde zu seinen Lebzeiten nur selten aufgeführt, Ives ist heute jedoch als Neuerer anerkannt, der musikalische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts voraussah. Komponisten, die in die Fußstapfen von Ives traten, experimentierten mit Zwölftonmusik, Minimalismus und anderen neuen Formen, die einige Konzertbesucher befremdlich fanden.
In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gab es einen Trend zurück zu Musik, die sowohl dem Komponisten als auch dem Zuhörer gefällt, eine Entwicklung, die möglicherweise mit dem ungewissen Status des Symphonieorchesters in den Vereinigten Staaten in Verbindung stand. Anders als in Europa, wo der Staat Orchester und Operngesellschaften oft unterstützt, erhalten die Künste in den Vereinigten Staaten relativ wenig staatliche Unterstützung. Um zu überleben, sind Symphonieorchester daher größtenteils von Spenden und Eintrittsgeldern abhängig.
Einige Dirigenten von Orchestern haben einen Weg gefunden, das Massenpublikum bei Laune zu halten und gleichzeitig der Öffentlichkeit neue Musik vorzustellen: Statt neue Stücke separat vorzustellen, binden diese Dirigenten sie mit traditioneller Kost in ein Programm ein. Die Oper indes, unabhängig davon ob alt oder neu, floriert. Weil Opernaufführungen jedoch teuer sind, hängt die Oper stark von der Spendenbereitschaft von Unternehmen und Einzelpersonen ab.
TANZ
Eng mit der Entwicklung der amerikanischen Musik Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden war die Entstehung einer neuen, charakteristisch amerikanischen Kunstform dem Ausdruckstanz (Modern Dance). Zu den ersten innovativen Vertretern zählte Isadora Duncan (1878-1927), die reine, unstrukturierte Bewegungen anstelle der Positionen des klassischen Balletts in den Vordergrund stellte.
Die bedeutendste Entwicklung ging jedoch von der Dance Company von Ruth St. Denis (1878-1968) und ihrem Ehemann und Partner Ted Shawn (1891-1972) aus. Ihre Schülerin Doris Humphrey (1895-1958) suchte nach Inspiration von außen, aus der Gesellschaft und menschlichen Konflikten. Eine weitere Schülerin von St. Denis, Martha Graham (1893-1991), deren von New York aus tätige Dance Company vielleicht die bekannteste für Modern Dance wurde, strebte danach, eine im Inneren entstehende Leidenschaft auszudrücken. Viele der beliebtesten Werke von Graham wurden in Zusammenarbeit mit führenden amerikanischen Komponisten produziert "Appalachian Spring" etwa mit Aaron Copland.
Später suchten die Choreografen nach neuen Ausdrucksmethoden. Merce Cunningham (geboren 1919) band Improvisationen und zufällige Bewegungen in seine Darbietungen ein. Alvin Ailey (1931-1989) integrierte Elemente aus afrikanischen Tänzen und Black Music in seine Arbeit. Unlängst haben sich Choreografen wie Mark Morris (geboren 1956) und Liz Lerman (geboren 1947) der Konvention widersetzt, dass Tänzer dünn und jung sein müssen. Sie waren der Meinung, dass elegante, anregende Bewegungen nicht vom Alter oder der Körperform der Tänzer eingeschränkt werden, und setzten diese Überzeugung in ihren Personalentscheidungen und Vorstellungen um.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das amerikanische Publikum auch durch Tanzgruppen aus Europa, die sich auf Tournee befanden, an das klassische Ballett herangebracht. In den Dreißigerjahren wurden die ersten amerikanischen Ballettgruppen gegründet, als sich Tänzer und Choreografen mit innovationsfreudigen Ballettliebhabern wie Lincoln Kirstein (1907-1996) zusammentaten. Kirstein lud 1933 den russischen Choreografen George Balanchine (1904-1983) in die Vereinigten Staaten ein, und zusammen eröffneten sie die School of American Ballet, die 1948 in New York City Ballet umbenannt wurde. 1940 gründete der Ballettmanager und Werbefachmann Richard Pleasant (1909-1961) mit der Tänzerin und Kunstförderin Lucia Chase (1907-1986) die zweite große Ballettorganisation der Vereinigten Staaten, das American Ballet Theatre.
Paradoxerweise nahmen in den Vereinigten Staaten geborene Intendanten wie Pleasant klassische Stücke aus Russland in ihre Repertoires auf, während Balanchine verkündete, dass seine neue amerikanische Tanzgruppe auf bekannter Musik und den neuen Werken der klassischen Ausdrucksweise und nicht den Standardrepertoires der Vergangenheit aufbauen würde. Seit damals ist die amerikanische Ballettszene eine Mischung aus klassischen Revivals und Originalwerken, deren Choreografie von talentierten ehemaligen Tänzern wie Jerome Robbins, (geboren 1918), Robert Joffrey (1930-1988) Eliot Feld (geboren 1942), Arthur Mitchell (geboren 1934) und Mikhail Baryshnikov (geboren 1948) gestaltet wurde.
ARCHITEKTUR
Der unverkennbar amerikanische Beitrag zur Architektur ist der Wolkenkratzer, dessen scharf hervortretende, nach oben strebende Linien ihn zum Symbol kapitalistischer Energie machen. Aufgrund neuer Bautechniken und der Erfindung des Fahrstuhls konnte 1884 der erste Wolkenkratzer in Chicago gebaut werden.
Viele der elegantesten anfangs gebauten Gebäude waren von Louis Sullivan (1856-1924), dem ersten bedeutenden modernen Architekten der Vereinigten Staaten. Sein talentiertester Student war Frank Lloyd Wright (1869-1959), der einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn damit verbrachte, Privathäuser mit passenden Möbeln sowie großzügigen Freiflächen zu entwerfen. Eines seiner bekanntesten Gebäude ist jedoch ein öffentliches: das Guggenheim-Museum in New York.
Europäische Architekten, die vor dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten auswanderten, starteten eine dominante Bewegung in der Architektur, den so genannten International Style. Die wohl einflussreichsten dieser Einwanderer waren Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) und Walter Gropius (1883-1969), beide ehemalige Leiter der berühmten deutschen Designschule, dem Bauhaus. Ihre auf geometrischen Formen basierenden Gebäude sind stilistisch sowohl als Denkmäler für das amerikanische Unternehmertum gelobt, als auch als "Glaskästen" abgetan worden. Als Reaktion darauf haben jüngere amerikanische Architekten wie Michael Graves (geboren 1945) das strenge, schachtelige Äußere verworfen und "postmoderne" Gebäude mit auffallenden Konturen und scharf hervortretendem Dekor gebaut, die an historische Architekturstile angelehnt sind.
DIE BILDENDEN KÜNSTE
Die erste bekannte Malschule in den Vereinigten Staaten die Hudson River School entstand 1820. Wie auch in den Bereichen Musik und Literatur verzögerte sich diese Entwicklung, bis die Künstler erkannten, dass die Neue Welt selbst einzigartige Motive bot. So wurde beispielsweise durch die Besiedlung des Landes in Richtung Westen die überweltliche Schönheit der Landschaften zum Thema in den Bildern der Maler.
Die Direktheit und einfache Vision der Hudson-River-Maler beeinflusste spätere Maler wie Winslow Homer (1836-1910), der das ländliche Amerika malte das Meer, die Berge sowie die Menschen, die dort lebten. Der Maler Thomas Eakins (1844-1916) malte das bürgerliche Leben in der Stadt. Er war ein kompromissloser Realist, dessen unerschrockene Ehrlichkeit die elegante Vorliebe für romantischen Sentimentalismus untergrub.
Kontroversen wurden für die amerikanischen Künstler bald zu einer Lebensart. In der Tat stellte ein Großteil der amerikanischen Malerei und Bildhauerkunst seit 1900 einer Reihe von Revolten gegen die Tradition dar. "Zur Hölle mit den künstlerischen Werten", kündigte Robert Henri (1865-1929) an. Er war der Kopf einer Malschule, die Kritiker die "Ascheimer"-Schule (ash-can) nannten, aufgrund ihrer Darstellungen der verwahrlosten Seiten des Lebens der Stadt. Bald wichen die Ash-Can-Künstler Modernisten, die aus Europa eintrafen Kubisten und abstrakte Maler, die von dem Fotografen Alfred Stieglitz (1864-1946) in seiner Gallery 291 in New York gefördert wurden.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gründete eine Gruppe junger Künstler aus New York die erste künstlerische Bewegung mit Ursprung in den Vereinigten Staaten, die großen Einfluss auf Künstler im Ausland ausübte: den abstrakten Expressionismus. Zu den führenden Vertretern der Bewegung zählten Jackson Pollock (1912-1956), Willem de Kooning (1904-1997) und Mark Rothko (1903-1970). Die abstrakten Expressionisten verzichteten auf formale Komposition und die Darstellung realer Objekte, konzentrierten sich auf instinktive Arrangements in Raum und Farbe und demonstrierten die physikalischen Auswirkungen des Malens auf Leinwand.
Die Angehörigen der nächsten Generation von Künstlern bevorzugte eine andere Form der Abstraktion: Arbeiten mit einem Mediengemisch. Zu ihnen zählten Robert Rauschenberg (geboren 1925) und Jasper Johns (geboren 1930), die für ihre Kompositionen Fotografien, Zeitungspapier und ausrangierte Objekte verwendeten. Pop-Art-Künstler wie Andy Warhol (1930-1987), Larry Rivers (geboren 1923) und Roy Liechtenstein (geboren 1923) gaben mit satirischer Sorgfalt alltägliche Objekte und Bilder der amerikanischen Populärkultur wider Coca-Cola-Flaschen, Suppendosen und Comicstrips.
Heute neigen die Künstler in Amerika dazu, sich nicht von Schulen, Stilen oder der Verwendung nur eines Mediums einschränken zu lassen. Ein Kunstwerk kann eine Darstellung auf der Bühne oder ein handgeschriebenes Manifest sein, ein gewaltiges Muster, das eine Wüste im Westen des Landes bedeckt oder ein ernstes Arrangement von Marmorplatten, auf denen die Namen der in Vietnam gefallenen US-Soldaten eingraviert sind. Der wohl einflussreichste amerikanische Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts ist eine spöttische Verspieltheit, die Auffassung, dass der zentrale Zweck eines neuen Kunstwerks darin besteht, sich in die andauernde Diskussion über die Definition der Kunst einzugliedern.