• US-POLITIK (27. Januar 2006)
Die Stadt auf dem Hügel
Ein Überblick über die Geschichte der Vereinigten Staaten - Teil I

WASHINGTON – (AD) – Nachfolgend veröffentlichen wir das Kapitel "Die Stadt auf dem Hügel" aus der Broschüre "Portrait of the USA", die vom Büro für internationale Informationsprogramme des US-Außenministeriums herausgegeben wurde.

Die ersten Europäer, die Nordamerika um das Jahr 1000 erreichten, waren isländische Wikinger, die von Leif Eriksson angeführt wurden. In der kanadischen Provinz Neufundland wurden Spuren ihres Aufenthaltes gefunden, die Wikinger waren aber nicht in der Lage, dauerhafte Siedlungen zu gründen, und verloren bald den Kontakt zum neuen Kontinent.

Fünf Jahrhunderte später ließ die Nachfrage nach asiatischen Gewürzen, Textilien und Farbstoffen europäische Seefahrer von einer kürzeren Route zwischen Ost und West träumen. Im Auftrag der spanischen Krone segelte der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus 1492 von Europa aus nach Westen und landete schließlich in der Karibik auf einer der Inseln der Bahamas. Innerhalb von 40 Jahren schufen spanische Abenteurer in Mittel- und Südamerika ein großes Reich.

DIE KOLONIALZEIT

Die erste erfolgreiche englische Kolonie wurde 1607 in Jamestown (Virginia) gegründet. Einige Jahre danach kamen englische Puritaner nach Nordamerika, um der religiösen Verfolgung aufgrund ihrer Gegnerschaft zur anglikanischen Kirche zu entgehen. 1620 gründeten Puritaner die Plymouth Colony, die später Massachusetts wurde. Plymouth war die zweite dauerhafte britische Siedlung in Nordamerika und die erste in Neuengland.

In Neuengland hofften die Puritaner, eine "Stadt auf dem Hügel" ("city upon a hill") aufzubauen – eine ideale Gemeinschaft. Seit damals sehen Amerikaner ihr Land als ein großes Experiment an, ein Modell, das der Nachahmung durch andere Nationen würdig ist. Die Puritaner waren der Ansicht, dass der Staat die Moral Gottes durchsetzen müsse; Ketzer, Ehebrecher, Trinker und Sabbat-Brecher wurden bei ihnen streng bestraft. Trotz ihrer eigenen Suche nach religiöser Freiheit praktizierten die Puritaner eine Art intoleranten Moralismus. 1636 verließ der englische Geistliche Roger Williams Massachusetts und gründete die Kolonie Rhode Island, die auf den Prinzipien der religiösen Freiheit und Trennung von Kirche und Staat beruhte, zwei Idealen, die später von den Vätern der US-Verfassung übernommen wurden.

Es kamen auch Siedler aus anderen europäischen Ländern, aber die Engländer waren in Nordamerika viel besser organisiert. Bis 1733 hatten englische Siedler 13 Kolonien entlang der Atlantikküste gegründet, von New Hampshire im Norden bis Georgia im Süden. Die Franzosen kontrollierten andere Teilen Nordamerikas, unter anderem Kanada und Louisiana, einschließlich des weitläufigen Einzugsgebietes des Mississippi River. Frankreich und England führten im 18. Jahrhundert mehrere Kriege, in die jeweils auch Nordamerika hineingezogen wurde. Am Ende des Siebenjährigen Krieges hatte England 1763 die Kontrolle über Kanada und ganz Nordamerika östlich des Mississippi.

Kurz darauf kam es zwischen England und seinen Kolonien zum Konflikt. Das Mutterland erhob teilweise neue Steuern, um die Kosten des Siebenjährigen Krieges zu bezahlen und erwartete von den Amerikanern, dass sie britische Soldaten bei sich unterbringen. Die Siedler waren über die Steuern verärgert und widersetzten sich der Unterbringung von Soldaten. Sie beharrten darauf, dass sie nur durch ihre eigene koloniale Verwaltung besteuert werden könnten und versammelten sich hinter dem Schlachtruf "keine Besteuerung ohne Vertretung" ("no taxation without representation").

Alle Steuern, außer der Teesteuer, wurden zurückgenommen. 1773 reagierte eine Gruppe Patrioten darauf und veranstaltete die Boston Tea Party. Als Indianer verkleidet gingen sie an Bord britischer Handelsschiffe und warfen 342 Kisten Tee in den Bostoner Hafen. Dies führte zu einem scharfen Durchgreifen des britischen Parlaments, das die Schließung des Bostoner Hafens beinhaltete. 1774 beriefen die Anführer der Kolonisten den ersten Kontinentalkongress (First Continental Congress) ein, um den Widerstand der Kolonien gegen die britische Herrschaft zu erörtern. Als sich britische Soldaten in Lexington (Massachusetts) Rebellen aus den Kolonien entgegenstellten, brach am 19. April 1775 Krieg aus. Am 4. Juli 1776 ratifizierte der Kontinentalkongress die Unabhängigkeitserklärung.

Zunächst lief der Unabhängigkeitskrieg schlecht für die Amerikaner. Obwohl sie nur wenige Vorräte und eine geringe Ausbildung hatten, kämpften die amerikanischen Truppen im Allgemeinen gut, die Briten waren ihnen aber zahlenmäßig und hinsichtlich der Ausrüstung überlegen. Der Wendepunkt des Krieges kam 1777, als amerikanische Soldaten die britische Armee bei Saratoga (New York) besiegten. Frankreich hatte den Amerikanern heimlich geholfen, wollte sich jedoch nicht offen mit ihnen verbünden, bis sie sich im Kampf bewiesen hatten. Nach dem amerikanischen Sieg bei Saratoga unterzeichneten Frankreich und Amerika Bündnisverträge, und Frankreich stellte den Amerikanern Truppen und Kriegsschiffe zur Verfügung.

Die letzte große Schlacht im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg fand 1781 in Yorktown (Virginia) statt. Amerikanische und französische Truppen umzingelten gemeinsam die britischen Streitkräfte und zwangen sie zur Aufgabe. Die Kämpfe dauerten in einigen Gebieten noch zwei weitere Jahre an. Offiziell endete der Krieg mit dem Frieden von Paris im Jahre 1783, mit dem England die Unabhängigkeit Nordamerikas anerkannte.

EINE NEUE NATION

Die Ausarbeitung der US-Verfassung und die Gründung der Vereinigten Staaten wird in Kapitel 4 detaillierter beschrieben. Im Kern nahm die Verfassung den Amerikanern die Angst vor einer übermäßigen Zentralgewalt, indem das Regierungssystem auf drei Gewalten aufgeteilt wurde – Legislative (Kongress), Exekutive (der Präsident und die Bundesbehörden) und die Judikative (die Bundesgerichte) – und indem durch die 10 (als Bill of Rights bekannten) Zusatzartikel zur Verfassung die Freiheit des Einzelnen gewährleistet wurde.

In den unterschiedlichen politischen Philosophien zweier herausragender Personen des Unabhängigkeitskrieges manifestierte sich das fortdauernde Unbehagen über die zu große Machtanhäufung. George Washington, der militärische Held des Krieges und der erste US-Präsident, führte eine Partei an, die einen starken Präsidenten und eine starke Zentralregierung befürwortete. Thomas Jefferson, der wichtigste Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, führte eine Partei an, die den Einzelstaaten mehr Befugnisse zusprechen wollte, basierend auf der Theorie, dass diese den Bürgern verstärkt rechenschaftspflichtig wären.

Jefferson wurde 1801 der dritte Präsident. Obwohl er die Befugnisse des Präsidenten beschränken wollte, zwangen ihn die politischen Realitäten umzudenken. Neben anderen eindrucksvollen Maßnahmen kaufte er 1803 Frankreich das ausgedehnte Gebiet Louisianas ab und verdoppelte somit fast die Größe der Vereinigten Staaten. Der Kauf Louisianas erweiterte das Territorium um mehr als zwei Millionen Quadratkilometer und dehnte die Grenzen des Landes weit in den Westen bis hin zu den Rocky Mountains in Colorado aus.

SKLAVEREI UND DER BÜRGERKRIEG

Im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts bewegte sich die Besiedlungsgrenze weiter westwärts bis zum Mississippi River und darüber hinaus. 1828 wurde mit Andrew Jackson der erste "Außenseiter" Präsident: Ein Mann, der aus dem Grenzstaat Tennessee stammte, aus armen Verhältnissen kam und außerhalb der kulturellen Traditionen der Atlantikküste aufgewachsen war.

Obwohl die Ära Jackson oberflächlich betrachtet voller Optimismus und Energie war, hatte sich die junge Nation in Widersprüche verwickelt. Die bekannten Worte der Unabhängigkeitserklärung "alle Menschen sind gleich geschaffen" ("all men are created equal") waren für 1,5 Millionen Sklaven bedeutungslos. (Weitere Informationen zum Thema Sklaverei und der Zeit danach finden Sie in den Kapiteln 1 und 4.)

1820 diskutierten Politiker aus dem Süden und dem Norden die Frage, ob die Sklaverei in den westlichen Gebieten zulässig sein sollte oder nicht. Der Kongress erzielte einen Kompromiss: Die Sklaverei wurde in den neuen Bundesstaaten Missouri und im Arkansas Territory erlaubt, in den Gebieten westlich und nördlich von Missouri aber verboten. Als Folge des mexikanisch-amerikanischen Krieges von 1846 - 48 wurde das Territorium erweitert – damit einhergehend wurde die Frage nach einer Ausweitung der Sklaverei gestellt. 1850 ermöglichte ein weiterer Kompromiss den Beitritt Kaliforniens als freier Staat, und den Bürgern Utahs sowie Neu-Mexikos wurde die Entscheidung freigestellt, ob sie die Sklaverei innerhalb ihrer Grenzen zulassen wollten oder nicht (sie entschieden sich dagegen).

Das Problem bestand aber weiterhin. Nachdem Abraham Lincoln, ein Gegner der Sklaverei, 1860 zum Präsidenten gewählt wurde, verließen 11 Staaten die Union und erklärten sich zur unabhängigen Nation, den Konföderierten Staaten von Amerika: South Carolina, Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Texas, Virginia, Arkansas, Tennessee und North Carolina. Der amerikanische Bürgerkrieg hatte begonnen.

Die Armee der Konföderation hatte in der Anfangszeit des Krieges Erfolg und einige der Befehlshaber, besonders General Robert E. Lee, waren herausragende Taktiker. Die Union konnte aber auf eine größere Armee und mehr Ressourcen zurückgreifen. Im Sommer des Jahres 1863 ging Lee ein Risiko ein, indem er seine Truppen gen Norden nach Pennsylvania einmarschieren ließ. Er traf bei Gettysburg auf die Truppen der Union und die größte jemals auf amerikanischem Boden ausgetragene Schlacht begann. Nach drei Tagen verzweifelter Kämpfe waren die Konföderierten besiegt. Zur gleichen Zeit nahm der General der Union, Ulysses S. Grant, die Stadt Vicksburg am Mississippi River ein, wodurch der Norden die Kontrolle über das gesamte Mississippi-Tal erhielt und die Konföderation in zwei Hälften geteilt wurde.

Zwei Jahre später und nach langen Kämpfen, an denen auch die Truppen unter dem Kommando von Lee und Grant teilnahmen, gaben die Konföderierten auf. Der Bürgerkrieg war die traumatischste Episode der amerikanischen Geschichte. Er löste aber zwei Probleme, die die Amerikaner seit 1776 aufbrachten. Die Sklaverei wurde beendet und es wurde entschieden, dass das Land nicht aus einer Ansammlung von halb unabhängigen Staaten besteht, sondern ein unteilbares Ganzes ist.

DAS ENDE DES 19. JAHRHUNDERTS

1865 wurde Abraham Lincoln bei einem Attentat getötet, wodurch die Vereinigten Staaten einen Politiker verloren, der durch seine Herkunft und sein Temperament auf einzigartige Weise geeignet war, die durch den Bürgerkrieg entstandenen Wunden zu heilen. Sein Nachfolger, Andrew Johnson, war ein Südstaatler, der während des Krieges aber loyal gegenüber der Union geblieben war. Mitglieder aus Johnsons eigener Partei (Republikaner) aus dem Norden setzten einen Prozess in Gang, um ihn seines Amtes zu entheben, da er sich angeblich zu nachsichtig gegenüber ehemaligen Konföderierten verhalten hatte. Johnsons Freispruch stellte einen wichtigen Sieg für das Prinzip der Gewaltenteilung dar: Ein Präsident sollte nicht aus dem Amt gejagt werden, weil der Kongress nicht mit seiner Politik übereinstimmt, sondern ausschließlich, weil er, mit den Worten der Verfassung, "Verrat, Bestechung oder andere schwere Verbrechen und Vergehen" begangen hat.

Innerhalb weniger Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges wurden die Vereinigten Staaten zu einer führenden Industriemacht, und kluge Geschäftsleute erzielten große Gewinne. Die erste transkontinentale Eisenbahn wurde 1869 fertiggestellt; bis 1900 gab es in den Vereinigten Staaten mehr Streckenkilometer als in ganz Europa. Die Erdölindustrie florierte, und John D. Rockefeller von der Standard Oil Company wurde der reichste Mann der Vereinigten Staaten. Andrew Carnegie, der als armer schottischer Einwanderer angefangen hatte, baute ein großes Stahlwerkimperium auf. Textilwerke breiteten sich im Süden und Fleischfabriken in Chicago (Illinois) aus. Aufgrund einer Reihe von Erfindungen, die in den Vereinigten Staaten gemacht wurden, florierte die Elektroindustrie: das Telefon, die Glühbirne, der Plattenspieler, der Wechselstrommotor und –transformator sowie der Film. In Chicago verwendete der Architekt Louis Sullivan eine Stahlrahmenkonstruktion, um den charakteristischen Beitrag der Vereinigten Staaten zur modernen Stadt zu leisten: den Wolkenkratzer.

Das ungezügelte Wirtschaftswachstum barg jedoch Gefahren in sich. Um den Wettbewerb zu beschränken, schlossen sich Eisenbahnunternehmen zusammen und setzten einheitliche Transportpreise fest. Kartelle – große Unternehmenszusammenschlüsse – versuchten in einigen Industriezweigen Monopole zu bilden, ganz besonders beim Öl. Diese riesigen Unternehmen konnten Produkte effizient herstellen und sie preiswert verkaufen, aber sie konnten ebenso Preise festsetzen und andere Wettbewerber zerstören. Um gegenzusteuern, ergriff die Bundesregierung Maßnahmen. Zur Regulierung der Transportkosten wurde die bundesstaatenübergreifende Handelskommission (Interstate Commerce Commission) geschaffen. Das Sherman Antitrust-Gesetz von 1890 verbot Kartelle und Fusionen sowie Geschäftsabkommen, "die den Handel hemmen".

Die Industrialisierung führte zum Anstieg der organisierten Arbeiterschaft. Die 1886 gegründete American Federation of Labor war ein Zusammenschluss von Gewerkschaften für Facharbeiter. Das Ende des 19. Jahrhunderts war eine Zeit starker Zuwanderung, und der Geburtsort vieler Arbeitnehmer in den neuen Industriezweigen lag außerhalb der Vereinigten Staaten. Für die amerikanischen Landwirte waren die Zeiten jedoch schwierig. Die Lebensmittelpreise fielen, und die Landwirte mussten die Last hoher Transportkosten, teurer Hypotheken sowie hoher Steuern und Zölle auf Konsumgüter tragen.

Mit Ausnahme des Erwerbs Alaskas von Russland im Jahr 1867 war das amerikanische Territorium seit 1848 konstant. In den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts griff ein neuer Expansionsgeist um sich. Die Vereinigten Staaten folgten dem Vorbild der nordeuropäischen Nationen in dem Anspruch, die Völker in Asien, Afrika und Lateinamerika zu "zivilisieren". Nachdem amerikanische Zeitungen grausige Berichte über Gräueltaten in der spanischen Kolonie Kuba veröffentlichten, traten die Vereinigten Staaten und Spanien 1898 in den Krieg. Als der Krieg beendet war, hatten die Vereinigten Staaten eine Reihe spanischer Besitztümer erlangt: Kuba, die Philippinen, Puerto Rico und Guam. In einer davon unabhängigen Aktion erwarben die Vereinigten Staaten darüber hinaus Hawaii.

Aber den Amerikanern, die selbst die Fesseln eines Weltreiches abgeschüttelt hatten, war nicht wohl dabei, selbst ein solches zu verwalten. 1902 verließen amerikanische Truppen Kuba, obwohl die neue Republik verpflichtet war, den Vereinigten Staaten Flottenstützpunkte zur Verfügung zu stellen. Die Philippinen erhielten 1907 das Recht auf eingeschränkte Selbstverwaltung sowie 1946 die vollständige Unabhängigkeit. Puerto Rico wurde ein Commonwealth in Selbstverwaltung innerhalb der Vereinigten Staaten, und Hawaii wurde 1959 zum Bundesstaat (ebenso wie Alaska).

DIE PROGRESSIVE BEWEGUNG

Während Amerikaner im Ausland aktiv waren, kam es ebenfalls zu einer neuen Betrachtung der sozialen Probleme im eigenen Land. Trotz der Zeichen des Wohlstands lebten bis zu 50 Prozent der Industriearbeiter noch immer in Armut. New York, Boston, Chicago und San Francisco konnten auf ihre Museen, Universitäten und öffentliche Bibliotheken stolz sein – sich aber auch wegen ihrer Slums schämen. Das vorherrschende wirtschaftliche Dogma war das Laisser-faire: Die Regierung sollte so wenig wie möglich in den Handel eingreifen. Um 1900 herum entstand die Progressive Bewegung (Progressive Movement), um die Gesellschaft und die Menschen durch Regierungsmaßnahmen zu bessern. Die Anhänger dieser Bewegung waren überwiegend Volkswirte, Soziologen, Techniker und Angestellte im öffentlichen Dienst, die nach wissenschaftlichen, kostengünstigen Lösungen für politische Probleme suchten.

Sozialarbeiter gingen in die Slums, um Einrichtungen in den Siedlungen zu schaffen, die den Armen Gesundheitsdienste und Erholungsmöglichkeiten bieten sollten. Prohibitionisten forderten, teilweise aufgrund des Leids, das alkoholabhängige Ehemänner ihren Frauen und Kindern zufügten, die Beendigung des Spirituosenverkaufs. In den Städten kämpften Reformpolitiker gegen Korruption, regulierten den öffentlichen Verkehr und schufen kommunale Versorgungseinrichtungen. Bundesstaaten verabschiedeten Gesetze zur Beschränkung von Kinderarbeit, der Begrenzung der Arbeitstage und schrieben Entschädigungen für verletzte Arbeitnehmer vor.

Einige Amerikaner befürworteten radikalere Ideologien. Die Sozialistische Partei (Socialist Party), die von Eugene V. Debs angeführt wurde, sprach sich für einen friedlichen, demokratischen Übergang zu einer staatlich gelenkten Volkswirtschaft aus. Der Sozialismus konnte sich in den Vereinigten Staaten aber nie fest verankern – das beste Ergebnis, das die Partei in einem Präsidentschaftswahlkampf erzielte, lag bei sechs Prozent bei der Wahl 1912.

KRIEG UND FRIEDEN

Als 1914 in Europa der Erste Weltkrieg ausbrach, drängte Präsident Woodrow Wilson auf eine Politik der strikten amerikanischen Neutralität. Die Erklärung Deutschlands, einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg gegen alle Schiffe zu führen, die alliierte Häfen ansteuerten, untergrub diese Haltung. Als der Kongress Deutschland 1917 den Krieg erklärte, bestand die amerikanische Armee aus lediglich 200.000 Soldaten. Millionen Männer mussten einberufen, ausgebildet und über den vor U-Booten nur so wimmelnden Atlantik verschifft werden. Ein ganzes Jahr verging, bevor die US-Armee bereit war, einen entscheidenden Beitrag zu den Kriegsbemühungen zu leisten.

Im Herbst 1918 war die Lage Deutschlands bereits hoffnungslos geworden. Seine Streitkräfte zogen sich angesichts der unermüdlichen Aufrüstung auf amerikanischer Seite zurück. Im Oktober ersuchte Deutschland um Frieden, und am 11. November wurde der Waffenstillstand verkündet. 1919 ging Wilson selbst nach Versailles, um an der Ausarbeitung des Friedensvertrages teilzunehmen. Obwohl er von den Massen in den alliierten Hauptstädten bejubelt wurde, war seine internationalen Zielsetzungen im eigenen Land weniger populär. Seine Vorstellung vom Völkerbund wurde in den Friedensvertrag von Versailles integriert, aber der US-Senat ratifizierte den Vertrag nicht, und die Vereinigten Staaten beteiligten sich nicht am Völkerbund.

Die Mehrheit der Amerikaner trauerte dem abgelehnten Vertrag nicht nach. Sie wandten sich nach innen, und die Vereinigten Staaten zogen sich aus den europäischen Angelegenheiten zurück. Zur gleichen Zeit entwickelten die Amerikaner eine Feindseligkeit gegenüber Fremden in ihrer Mitte. 1919 führte eine Reihe terroristischer Bombenanschläge zur "Red Scare". Im Auftrag von Justizminister A. Mitchell Palmer wurden politische Versammlungen gestürmt und mehrere Hundert im Ausland geborene politische Radikale deportiert, obwohl die meisten von ihnen keines Verbrechens schuldig waren. 1921 wurden zwei in Italien geborene Anarchisten, Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, aufgrund sehr zweifelhafter Beweise wegen Mordes verurteilt. Intellektuelle protestierten, aber 1927 wurden die beiden auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Der Kongress verabschiedete 1921 Einwanderungsbeschränkungen, die 1924 und 1929 weiter verschärft wurden. Diese Beschränkungen bevorzugten Einwanderer aus dem angelsächsischen Raum und nordischen Ländern.

Die Zwanzigerjahre waren eine außergewöhnliche und verwirrende Zeit, in der der Hedonismus parallel zum puritanischen Konservativismus existierte. Es war die Zeit der Prohibition: 1920 verbot ein Verfassungszusatz den Verkauf alkoholischer Getränke. Dennoch umgingen Konsumenten alkoholischer Getränke das Verbot in Tausenden von "Speakeasies" (illegalen Bars), während Kriminelle mit den Spirituosen illegale Vermögen machten. Die Wilden Zwanziger waren aber auch die Zeit des Jazz und spektakulärer Stummfilme sowie modischer Marotten wie Fahnenstangen-Sitzen und Goldfisch-Schlucken. Der Ku Klux Klan, eine rassistische Organisation, die nach dem Bürgerkrieg im Süden entstand, zog neue Anhänger an und terrorisierte Schwarze, Katholiken, Juden und Einwanderer. Zur gleichen Zeit wurde ein Katholik, der New Yorker Gouverneur Alfred E. Smith, demokratischer Präsidentschaftskandidat.

Für das Big Business waren die Zwanzigerjahre goldene Jahre. Die Vereinigten Staaten waren nun eine Konsumgesellschaft mit boomenden Märkten für Radios, Haushaltsgeräte, synthetische Textilien und Kunststoffe. Einer der Männer, die in diesem Jahrzehnt am meisten bewundert wurden, war Henry Ford, der das Fließband in Automobilfabriken eingeführt hatte. Ford konnte hohe Löhne zahlen und dennoch enorme Gewinne durch Massenproduktion des Model T erzielen, einem Auto, das sich Millionen Käufer leisten konnten. Für einen Augenblick schien es, als würden Amerikaner aus allem Geld machen können.

Aber der oberflächliche Wohlstand verdeckte tiefer liegende Probleme. Aufgrund der empor schnellenden Gewinne und niedrigen Zinsraten stand viel Geld für Investitionen zur Verfügung. Dennoch wurde ein Großteil für leichtsinnige Spekulationen auf dem Aktienmarkt eingesetzt. Hektische Gebote trieben die Preise weit über den realen Aktienwert hinaus. Investoren kauften Aktien "gegen Kredit", indem sie sich bis zu 90 Prozent des Kaufpreises liehen. Die Blase platzte 1929. Der Aktienmarkt brach zusammen und löste eine Weltwirtschaftskrise aus.

DIE WELTWIRTSCHAFTSKRISE

Bis zum Jahre 1932 waren tausende amerikanische Banken und über 100.000 Unternehmen in Konkurs gegangen. Die Industrieproduktion verringerte sich um 50 Prozent, die Löhne sanken um 60 Prozent und einer von vier Arbeiternehmern war arbeitslos. In diesem Jahr wurde Franklin D. Roosevelt mit seinem Parteiprogramm "a New Deal for the American people" zum Präsidenten gewählt.

Das muntere Selbstbewusstsein Roosevelts elektrisierte die Nation. In seiner Antrittsrede sagte er: "Das einzige, wovor wir uns fürchten müssen, ist die Furcht selbst." Er ließ diesen Worten entschlossene Taten folgen. Innerhalb von drei Monaten – den historischen "Einhundert Tagen" – peitschte Roosevelt eine große Anzahl von Gesetzen durch den Kongress, um der Volkswirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. Neue Behörden wie das Civilian Conservation Corps und die Works Progress Administration schufen durch Straßenbauarbeiten, den Bau von Brücken, Flughäfen und Parks sowie öffentlichen Gebäuden Millionen von Arbeitsplätzen. Später wurden mit dem Sozialversicherungsgesetz (Social Security Act) Beitragszahlungen für die Alters- und Hinterbliebenenrenten eingeführt.

Roosevelts Programm New Deal beendete die Weltwirtschaftskrise nicht. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage verbesserte, kam es erst zu einer vollständigen Erholung, als die Vereinigten Staaten vor dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg im Bereich Verteidigung drastisch aufrüsteten.